Angeborene Krankheitszustände.
313
Musik ist nichts für ihn. Ebensowenig kann er in die Kirche gehen;er wird so arg angegriffen davon. Manchmal zucken die Glieder;wenn er so daliegt, gibt es einen Stoß; die Hände fahren durchein-ander; der Mund geht auf; der Kopf ruckt herum. In der Tat sindhier und da bei ihm Schleuderbewegungen des Kopfes, schnappen-des Öffnen des Mundes, krampfhaftes Zusammenziehen einzelnerMuskelgruppen beobachtet worden. Der Schlaf ist ganz schlechtund Gegenstand beständiger Klagen, die Nahrungsaufnahme rechtgut. Das Körpergewicht hat sich langsam, aber stetig um 10 Kilo-gramm gehoben.
Das hier gezeichnete, ungemein einförmige Krankheitsbild,das seit der Aufnahme nur ganz unbedeutende Schwankungen dar-geboten hat, läßt sich schwer in den Rahmen der uns bisher be-kannten Formen des Irreseins einordnen. Offenbar sind die ängst-lichen Verstimmungen des Kranken lediglich Steigerungen einesZustandes gewesen, der ihn sein ganzes Leben hindurch begleitethat. „Ich kann sagen, ich bin in der Angst geboren,“ gibt er selbstan. Wir bezeichnen eine derartige dauernde Störung in der Verar-beitung der Lebensreize, wie sie als Ausdruck der Entartung vor-kommt, mit dem Namen der „konstitutionellen Verstimmung“. Esmuß indessen vor der Hand zweifelhaft bleiben, ob die so zusammen-gefaßten Zustände eine einheitliche klinische Gruppe bilden. Inmanchen Fällen sieht man auf dieser Grundlage ein ausgeprägtesZwangsirresein zur Entwicklung kommen, während in anderen dieKleinmütigkeit und das Fehlen der Daseinsfreude einfach zu einerfortschreitenden Einschränkung aller Lebensbeziehungen bis zurvölligen Abschließung von der Welt führt. Endlich aber gibt eseine große Gruppe von Fällen, bei denen deutliche Schwankungendes Zustandes, vielleicht auch einmal rasches Umschlagen derStimmung eine tiefere Verwandtschaft mit dem manisch-depressivenIrresein andeutet. Wir erinnern uns dabei der Erfahrung, daß perio-disch-manische Anfälle nicht ganz selten auf dem Boden einerdauernden depressiven Verstimmung entstehen. Weiterhin dürfenwir wohl annehmen, daß den Fällen von „periodischer Manie“ aufder Grundlage einer dauernd gehobenen Stimmung auch das Gegen-stück nicht fehlen wird, Anfälle von stärkerer Depression als Steige-rung eines konstitutionellen Grundzustandes von gleichartigerFärbung. In der Tat beobachten wir neben den mehr oder weniger