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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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XXVIII. Vorlesung.

Einen vollen Gegensatz zu dem vorigen Kranken bildetder 61 jährige Bahnarbeiter, den ich Ihnen zum Vergleiche nochzeigen möchte. Seine Schwester war in der Schwangerschaftgeisteskrank, wurde aber wieder gesund; ein Sohn starb mit7 Jahren an einer Hirnkrankheit. Der Kranke selbst war immerein fleißiger, ruhiger,pünktlicher Mann. Er erkrankte zumersten Male vor 16 Jahren. Damals wollte man ihn für die Ent-gleisung eines Wagens verantwortlich machen; außerdem wurdeihm seine Wohnung unerwartet gekündigt. Daraufhin wurde erängstlich, konnte seinen Dienst nicht mehr tun und ging endlichin eine Anstalt, aus der er nach 4jährigem Aufenthalte geheiltentlassen wurde. Von da ab war er 10 Jahre lang gesund. Vornunmehr 2 Jahren erkrankte er von neuem nach einem Besuchebei einer geisteskranken Frau in der Nachbarschaft. Er kam sehraufgeregt nach Hause, klagte über Druck auf der Brust, Angst,schlechten Schlaf, lief ruhelos herum, konnte es nirgends langeaushalten und machte schließlich einen ziemlich schwächlichenSelbstmordversuch, indem er sich in Gegenwart seiner Frau mitdem Holzbeile eine kleine Hiebwunde an der Stirn beibrachte.Dieser Vorfall gab den Anlaß zu seiner Verbringung in die Klinik.

Wenn Sie den Kranken betrachten, so fällt Ihnen zunächstsein riesiger, in allen Durchmessern vergrößerter Schädel auf. Imübrigen ist der Mann kräftig gebaut, sieht für sein Alter verhält-nismäßig jung und rüstig aus. Er ist besonnen, ruhig, klar undzeigt ein sehr ausgeprägtes Krankheitsgefühl. An nichts hat ermehr Lust, kann sich nicht mehr freuen, spürt Angst, die in derHerzgegend sitzt und morgens am stärksten ist. Sie plagt ihnTag und Nacht, läßt ihm keine Ruhe; er vermag sich nicht anhaltendzu beschäftigen, weil es immer derselbe Kampf ist. Manchmalpackt es ihn stärker, so daß er gerade herausschreien muß; er istimmer so erschrocken, daß er sich nicht zu helfen weiß. Dazukommen die bösen Gedanken, die in ihm aufsteigen und die ernicht bezwingen kann. Nähere Angaben darüber kann er eigentlichnicht machen; es sind aber offenbar Selbstmordgedanken. Zweimalsah er dreieckige Sterne vor den Augen, und jedesmal drängte esihn zum Selbstmorde; es war wie eine innere Stimme. So eineKrankheit hat es noch gar nicht gegeben; er wird diesmal auch be-stimmt nicht wieder gesund. Lärm kann er nicht vertragen; auch