Angeborene Krankheitszustände.
309
Geistesstörung außer Verfolgung gesetzt, begann aber das alte Lebensofort von neuem.
Geben wir nun ihm selber das Wort, so äußert er sich gewandtund klar, zunächst etwas zurückhaltend, dann aber rasch warmwerdend, mit lebhaften Gebärden, großer Schlagfertigkeit und inweitschweifiger Darstellung. Dieselbe erhält ihre besondereFärbung dadurch, daß er alles Ungünstige fortläßt oder mildert,während er andererseits die eigenen Fähigkeiten sehr stark betont.Seine Mißerfolge sind durchweg auf Neid und Mißgunst böswilligeroder verständnisloser Menschen, auch wohl auf einfaches „Pech“,namentlich auf die unberechtigte Einsperrung im Irrenhause zurück-zuführen. Doch fand er auch die Gunst hervorragender Männer,die alle sofort bereit wären, für ihn einzutreten. Der PreußischeKultusminister, bei dem er sich über die schlechte Note in derLehrerprüfung beschwerte, gestand ihm zu, daß er „einen faux-pas“gemacht habe, und wollte ihm zur Entschädigung für '/ 2 Jahr Gehaltauszahlen lassen. Ihn habe der Mißerfolg sehr verstimmt. Da-mals könne eine Krankheit bei ihm angefangen haben. Die Ver-bringung in die Anstalt war jedoch eine elende Intrige; mehrereÄrzte versicherten ihm dort, daß er ganz gesund sei, aber der Direk-tor hielt ihn zurück, weil er ihn einmal einen Schuft genannt hatte.Einer jener Ärzte wurde bald nachher Direktor, meint er mit ver-ständnisvollem Lächeln. Auch späterhin habe er sich eine Reihevon ärztlichen Gutachten gesammelt, die ihn für gesund erklärten.Seine vielfachen Verfehlungen nimmt er sehr leicht, weiß sie in dermannigfaltigsten Weise zu begründen, als ganz harmlose und be-rechtigte Handlungen hinzustellen, zu denen er durch das feind-selige und gemeine Verhalten anderer gezwungen wurde. SeineErzählungen weichen dabei vielfach von der Wahrheit ab. In denAkten sei viel gelogen; das Papier sei geduldig.
Die Stimmung des Kranken ist eine durchaus gehobene. Erspricht von oben herab, sehr zuversichtlich, vielfach mit spöttischemLächeln. Über die Zukunft macht er sich gar keine Sorgen; beiseinen Kenntnissen und Fähigkeiten kann es ihm gar nicht fehlen,und auch der Hinweis auf das Scheitern aller seiner Bestrebungenmacht ihm gar keinen Eindruck. Seine erheblichen Schulden könneer leicht bezahlen, sobald er nicht mehr gehindert werde, zu ar-beiten. Er hat durchaus kein Gefühl für das Mißliche seiner Lage,