Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
277
Einzelbild herunterladen
 

Irresein nach Kopfverletzungen.

277

ständnis für die Schwere seines Zustandes, verlangte, nach Hausegelassen zu werden, da er arbeiten müsse, wollte seine Kleiderhaben, widerstrebte bei allen Eingriffen, riß den Verband wiederab, ging nachts aus dem Bette. Die Wunde heilte rasch; auch dieSchmerzhaftigkeit verschwand nach einiger Zeit, aber die Unruheund Unklarheit des Kranken bestand fort. Er erzählte von Briefen,die er erhalten habe, hatte keine Ahnung, wie lange er schon da sei,und entwich endlich abends in Hemd und Pantoffeln, um sich ineinem benachbarten Neubau zu verstecken, da sein Schwager, wieer ihm mitgeteilt habe, mit seinem Wagen auf ihn wartete. Infolgedieses Vorfalles wurde er zu uns gebracht.

Wie Sie sehen, versteht der etwas dürftig genährte, blaß aus-sehende Mann die an ihn gerichteten Fragen, wenn auch eine ge-wisse Unbesinnlichkeit nicht zu verkennen ist. Er weiß, wo er sichbefindet, kennt die Ärzte und erinnert sich der Vorgänge aus denletzten Tagen ganz gut. Dagegen ist seine zeitliche Orientierungrecht unklar. Auch wenn man ihn in dieser Richtung belehrt, ver-gißt er das sehr bald wieder. Andererseits erzählt er unrichtigerWeise, daß er gestern Besuch gehabt habe, daß seine Frau ihmversprochen habe, ihn heute abzuholen.

Rechnungen, die mit Hilfe des Einmaleins zu lösen sind, führter richtig aus, gerät aber leicht in Verwirrung, sobald er dabeiÜberlegung und Merken von Zahlen nötig hat. Sehr auffallend istdie Tatsache, daß er von seinem Aufenthalte in der chirurgischenKlinik, namentlich aber von seinem Sturze, fast gar nichts mehrweiß. Er gibt abwechselnd verschiedene, frei erfundene Darstel-lungen seines Falles. Einmal meint er, mittags 3 Uhr in der Fabrik ge-fallen zu sein, ein anderes Mal kurz darauf, er sei schnell 3 Treppenauf eine Eisenplatte mit Schräubchen hinuntergesprungen, um nochden Zug zu erreichen. Auf näheres Befragen schmückt er dieseVorgänge noch mit allerlei Einzelheiten aus, offenbar überzeugt,wirkliche Erlebnisse wiederzugeben. Dabei sind aber alle seineAngaben eigentümlich unbestimmt und verschwommen. Krank-heitsgefühl hat er gar nicht, drängt einsichtslos fort, da er unbe-dingt zur Arbeit müsse. Er werde seine Stelle verlieren, wenn ernicht komme; man werde meinen, daß er sich drücken wolle.Seine Stimmung ist etwas weinerlich, aber ohne tiefere Gemüts-bewegung. Die Tatsache, daß er sich in der Irrenanstalt befindet,