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XXV. Vorlesung.
selbstsüchtige Entwicklung des Fühlens und Wollens eingestellthat, pflegen dauernd das Kreuz ihrer Angehörigen und Ärzte zubilden. Die einzelnen Erscheinungen der Krankheit können wohlwechseln, aber der Mutterboden, aus dem sie immer wieder hervor-wachsen, bleibt im wesentlichen unverändert*).
Wie weit die ersten Zeichen der Hysterie zurückreichenkönnen, mag Ihnen das Beispiel eines 5 jährigen Mädchens zeigen,das uns vor wenigen Tagen zugeführt wurde. Wie Sie sehen, istdas Kind zwar klein für sein Alter, aber gut genährt. An dengekrümmten Unterschenkeln und den verdickten Epiphysen be-merken Sie die Spuren früherer Rhachitis. Das Kind faßt gut auf,ist lebhaft, zutunlich, erkennt die ihm vorgezeigten Bilder undGegenstände rasch und sicher und gibt flotte Antworten, wennauch seine Kenntnisse vielleicht nicht ganz seinem Alter entspre-chen. Auffallend ist eine gewisse Unruhe, die Neigung, herumzu-spielen, zu schwatzen, Gesichter zu schneiden. Die Stimmung istvorwiegend heiter, schlägt aber auch leicht in Weinen und in zor-nigen Eigensinn um. Sehr deutlich treten bei dem Kinde erotischeNeigungen hervor. Es faßt und streichelt gern die Hände derÄrzte, versichert, daß es sie ganz besonders gern habe, hält sichscherzend die Hände vor das Gesicht, blinzelt dabei zwischen denFingern durch, sucht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Inseinem sonstigen Benehmen ist das Kind natürlich, ißt manierlich,spielt gern, hält sich sauber. Mit seiner Umgebung hat es sichbald völlig bekannt gemacht. Abends kostet es gewöhnlich Mühe,die Kleine ins Bett zu bringen, da sie lieber aufbleiben und sichunterhalten möchte. Sie wird dann bisweilen sehr böse, weint undkratzt, wenn man ihr nicht den Willen tut.
Den Anlaß zu ihrer Verbringung in die Klinik gaben An-fälle, die sich schon vor 2 Jahren nach einer Influenza bei demaus einer gesunden Familie stammenden, aber stark an Rhachitisleidenden Kinde einstellten. Nach voraufgehenden Bauchschmerzen,Atemnot, Rötung des Kopfes, Schweißausbruch und Herzklopfenschlief das Kind ein, war blaß und wie tot, konnte aber durchAnspritzen mit Wasser wieder erweckt werden, ohne sich nunmehr
*) Die Kranke ist nach 1 jährigem Anstaltsaufenthalte psychisch unver-ändert an Lungenschwindsucht gestorben.