Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
264
Einzelbild herunterladen
 

264

XXV. Vorlesung.

Störungen halten dürfen. Es wäre aber immerhin denkbar, daß derfrühere Sturz eine gewisse Disposition zur Epilepsie zurückgelassenhat, die sich dann späterhin unter dem schädigenden Einflüsse desTrinkens weiter entwickelte. Die Eifersuchtsideen des Krankenkönnten recht wohl auf Rechnung des Alkohols zu setzen sein;ebenso ist es möglich, daß es sich bei der Geistesstörung währendder Lungenentzündung um ein Delirium tremens gehandelt hat. Fürdie letzten Delirien muß diese Annahme zurückgewiesen werden,wenn auch einzelne Züge daran erinnern. Die lange Dauer des Zu-standes vor 3 Jahren, die ausgeprägt religiöse Färbung des letztenAnfalles sowie die Unklarheit der Erinnerung, endlich das Fehlender humoristischen Stimmung sprechen dagegen. Gleichwohl wer-den wir dem Kranken natürlich völlige Enthaltung vom Alkoholauf das eindringlichste zu empfehlen haben. Ob er freilich diesemRate folgen will, kann und wird, ist leider mehr als zweifelhaft*).

XXV. Vorlesung.

Hysterisches Irresein.

M. H.! Das sorgfältig in schwarz gekleidete, 30jährige Fräu-lein, das, auf eine Wärterin gestützt, mit kleinen, schlürfendenSchritten in den Saal tritt und wie erschöpft auf den Sessel sinkt,macht einen leidenden Eindruck. Die schlanke Gestalt ist leichtin sich zusammengesunken; die Gesichtszüge sind bleich, etwasschmerzlich verzogen, die Augen niedergeschlagen; die schmalen,wohlgepflegten Finger spielen nervös mit einem Taschentuche. DieKranke antwortet auf die an sie gerichteten Fragen leise, mit müderStimme, ohne aufzusehen; wir erkennen dabei, daß sie über Ort,Zeit und Umgebung völlig klar ist. Schon nach wenigen Minutenschließen sich plötzlich die Augen der Kranken fest; der Kopf sinktvornüber, und die Kranke scheint in einen tiefen Schlaf zu verfallen.Die Arme sind ganz schlaff geworden, fallen wie gelähmt herunter,wenn man sie erhebt. DieKranke antwortet nicht mehr; beim Ver-

*) Der Kranke ist einige Jahre später zu Hause an Schwindsucht gestorben.