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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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XX. Vorlesung.

und schlief nicht mehr, widerstrebte jeder Einwirkung, wälzte sichin größter Unruhe herum, suchte sich selbst Verletzungen beizu-bringen, die Zunge und Zähne auszureißen, und äußerte eine Reiheder unsinnigsten depressiven Vorstellungen. Sie sei tot, könnenicht mehr schlucken; es kämen Räuber; der Mann sei geschlachtet;die Kinder säßen im Abort; 100000 Kaiserinnen seien in der Hei-zung gefangen; man habe ihr 10000 Taschentücher gestohlen, dieBrüste abgeschnitten, das Blut abgezapft.

Aus diesem höchst bedrohlichen Zustande erholte sich dieKranke erst nach einigen Monaten ganz langsam wieder, ohne jedochim weiteren Verlaufe mit ihrem Körpergewichte viel über 50 Kilo-gramm zu steigen. Zugleich stellte sich heraus, daß die Verblödungwie die körperlichen Störungen einen sehr erheblichen Fortschrittgemacht hatten; die Kranke war ganz gedankenarm und stumpf ge-worden. Seit jener Zeit hat sich der Zustand nur wenig verändert*).Dieser Verlauf widerspricht durchaus der gewöhnlichen Regel, daßdie Paralyse in 34 Jahren zum Tode führt. Die Fälle von weitlängerer Dauer sind indessen gar nicht selten, ja es muß sogar mitder Möglichkeit gerechnet werden, daß die Krankheit unter be-sonders günstigen Umständen einmal ganz zum Stillstände kommenkönne. Zurzeit wird allerdings in solchenstationären Fällenimmer die Wahrscheinlichkeit eines diagnostischen Irrtums, nament-lich der Verwechslung mit syphilitischen Rindenerkrankungen, be-tont werden müssen. Bei unserer Kranken erlaubt indessen dieklare Ausprägung des klinischen Bildes schwerlich eine solcheAnnahme. Leider können wir einen etwa dennoch auftauchendenZweifel hier nicht durch ein diagnostisches Hilfsmittel zum Schwei-gen bringen, das sonst bei der klinischen Abgrenzung arterioskle-rotischer, alkoholischer, traumatischer, katatonischer Verblödungenvon der Paralyse entscheidend ins Gewicht fällt, die mikroskopischeUntersuchung der Cerebrospinalflüssigkeit. Während das durchLumbalpunktion gewonnene Serum beim Gesunden fast keine Zel-

*) Die Kranke befindet sich nach 12jähriger Dauer ihrer Paralyse nochjetzt in der Klinik, freilich vollständig verblödet und körperlich recht hin-fällig. Der rechte Arm zeigt eine leichte Kontraktur; es scheint sich einAortenaneurysma entwickelt zu haben. Die Krankheit der inzwischen ver-storbenen Tochter hat sich bei der anatomischen Untersuchung als juvenileParalyse herausgestellt, wie sie durch ererbte Lues erzeugt werden kann.