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Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
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XIX. Vorlesung.

wirklich war, und zudem regelmäßig mehr nehmen, als zur Be-seitigung ihrer Beschwerden nötig ist, kann man im Anfänge derKur ziemlich rasch heruntergehen. Wir haben unserem Krankenam ersten Tage noch 0,16, am zweiten Tage nur noch 0,12 gr ge-geben und sind jetzt, nach 14 Tagen, auf 0,04 gr angekommen. DieBeschwerden des Kranken sind dabei sehr geringe gewesen, etwasUnruhe, schlechter Schlaf, in den letzten Tagen ein wenig Gähnenund Niesen sowie leichter Durchfall. Der Appetit ist ziemlich gutgeblieben. In 34 Tagen denken wir mit dem Mittel auszusetzen,indem wir die letzte Gabe auf den Abend versparen, um die unan-genehmen Erscheinungen möglichst am Tage sich abspielen zulassen. Dabei hat der Kranke streng das Bett zu hüten, wird mög-lichst gut genährt, namentlich mit Milch, und erhält täglich einverlängertes warmes Bad. Irgend erhebliche Störungen sind freilichnicht mehr zu erwarten.

Mit der Entziehung selbst ist indessen erst ein kleiner Teil derArbeit getan. Weit wichtiger ist die Verhütung der überaus häufigenRückfälle. In noch höherem Grade, als beim Alkoholismus, bleibtnämlich nach dem Morphiummißbrauche eine Herabsetzung derWiderstandsfähigkeit zurück, die den Kranken bei Überanstrengun-gen, Unannehmlichkeiten und Schmerzen sofort wieder seine Zu-flucht bei der Spritze suchen läßt. Diese Störung verliert sich nurganz langsam, meist wohl erst nach Jahr und Tag, während dieMorphinisten sich in der Regel als geheilt betrachten, sobald sieeinige Tage lang kein Morphium mehr genommen haben. Bevornicht diese verhängnisvolle Selbsttäuschung gründlich beseitigtist und die Morphinisten nicht mindestens ebenso lange untersorgfältige Aufsicht und Behandlung gestellt werden, wie das jetztfür die Alkoholisten als unerläßlich erkannt worden ist, wird sichdie ungemein trübe Prognose des Morphinismus schwerlich bes-sern. Es ist eine durch nichts zu rechtfertigende Gewissenlosig-keit, wenn sich tagtäglich Ärzte in Zeitungen und Flugschriftenanheischig machen, Morphinistenohne Zwang und Qual in 30Tagen sicher zu heilen. Die Entziehung des Morphiums indieser Zeit ohne erhebliche Beschwerden durchzuführen, istfreilich keine besondere Kunst. Wer aber die Morphinisten dannals geheilt bezeichnet, belügt entweder sich selbst oder seineKranken. Die unglücklichen Opfer derartiger Reklamen wandern