Paranoia.
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Lebenserfahrungen beeinflußt. Dazu kommt, daß der Krankevöllig unbelehrbar ist. Es ist ganz unmöglich, von ihm dasZugeständnis zu erlangen, daß er sich in seiner Deutung derVorgänge doch vielleicht auch irren könne. Vielmehr wird ersofort mißtrauisch, wenn man nach dieser Richtung in ihn dringt;ihm steigt bei Widerspruch ohne weiteres der Verdacht auf, daßman ebenfalls darauf aus sei, seine Gegner zu unterstützen.
Alle diese Züge, die Anknüpfung der Beeinträchtigungsideen aneinen gemeinsamen Ausgangspunkt, die Ausbreitung derselben überimmer weitere Kreise, endlich die Unbelehrbarkeit zeigen uns, daßwir es hier mit einem Wahne zu tun haben, der tief in der geistigenPersönlichkeit wurzelt und zu einem System verarbeitet wordenist. Daneben besteht bei unserem Kranken offenbar eine gewisseSchwäche des Verstandes, die sich in der Einförmigkeit undZiellosigkeit seines Gedankenganges wie in seiner Unzugänglichkeitgegenüber den nächstliegenden Einwänden zeigt. Sein Gedächtnisist im allgemeinen treu, doch erweisen sich manche seiner Angabenund wörtlichen Anführungen bei genauerer Prüfung doch als nichtganz zuverlässig.
Auf gemütlichem Gebiete bemerken wir zunächst ein ge-steigertes Selbstgefühl. Der Kranke trägt eine gewisse Über-legenheit zur Schau, liebt es, seine Rechtskenntnis glänzen zulassen, und erwartet trotz aller Mißerfolge zuversichtlich einengünstigen Ausgang seiner Angelegenheit. Er scheut sich daherauch gar nicht, die höchsten Stellen immer wieder mit Eingabenzu belästigen, da er seine Angelegenheit als eine ganz besonderswichtige betrachtet. Als „Deutscher Mann und Familienvater“,als „Mann mit Geschäft“ hält er sein „Rechtsgefühl“ für maß-gebender, als alle Entscheidungen der Gerichte. Zugleich ist erungemein empfindlich, beantwortet jede ihm nachteilige Ent-scheidung sofort mit den gröbsten Schmähungen, beschuldigt dieZeugen des Meineids, die Richter der Bestechlichkeit, spricht von„politisch-religiöser Brunnenvergiftung“, meint aber dabei ganzharmlos, daß er sich immer „im Rahmen des Anstandes“ bewege.
Am auffallendsten ist jedoch das unsinnige Handeln desKranken in den letzten Jahren, durch das er sich und seine Familieimmer tiefer ins Unglück gebracht hat. Er erkennt das an, schiebtaber die ganze Schuld auf seine Gegner und die Gerichte, die ihn
Kraepelin, Einführung. 2. Aufl.
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