Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
57
Einzelbild herunterladen
 

Epileptisches Irresein.

57

er muß immerüber einen Gedanken nachgrübeln, den er nichtfassen kann. Unter starken Kopfschmerzen stellt sich nun eineaußerordentliche Reizbarkeit ein, die ihn bei dem geringsten An-lasse zu heftigen Schimpfereien, Bedrohungen und selbst Gewalt-tätigkeiten treibt. Nach einigen Stunden oder Tagen ist der Zu-stand plötzlich verschwunden, und er begreift nicht mehr, wie ersich so hat aufregen können. Einige Male war die Erinnerung ansein Benehmen im Anfalle eine recht unklare. Alkoholgenuß,auch ganz mäßiger, schien die Auslösung der Anfälle zu begün-stigen. Trank der Kranke in den Verstimmungen, so wurde erzuerst etwas schläfrig; dann aber war es schlimmer, als vorher.

Wir haben Gelegenheit gehabt, in der Klinik eine ganze Reihederartiger Verstimmungen zu beobachten, die in unregelmäßigenZwischenzeiten, ungefähr alle 12 Wochen, bei ihm auftreten.Während der Kranke für gewöhnlich ein freundliches, zugänglichesund sehr ruhiges Wesen zeigt, erschien er zu solchen Zeiten, meistschon morgens beim Aufstehen, müde, einsilbig, leicht benommen,ärgerlich, beklagte sich in nörgelnder Weise über diese oder jeneKleinigkeit, hatte Kopfschmerzen. Einmal mischte er sich dabeiin einen Streit zweier Mitkranker, konnte nur mit Mühe vonGewalttätigkeiten abgehalten werden. Ließ man ihn ruhig imBette liegen, so war er in der Regel schon am nächsten Tage wiederfrei und einsichtig, betrachtete die Verstimmung selbst als krank-haft.Jedes Wort, das ich hörte, ärgerte mich. Ich habe Zeiten,wo ich gar nicht reizbar bin, dann wieder Zeiten, wo ich wegenjeder Kleinigkeit wütend werde.

Die körperliche Untersuchung des kräftig gebauten, gut ge-nährten Mannes, der über seine Zustände bereitwilligst eingehendeMitteilungen macht und aus eigenem Antriebe zu uns gekommenist, ergibt eine geringe Verdickung der Nasenwurzel, besondersnach rechts hin. Man fühlt eine quer über das Nasenbein ver-laufende Einsenkung, die sich bis gegen die rechte Augenhöhlefortsetzt. Die Stirn ist bei Beklopfen empfindlich, besonders rechts.In der Nase ist die Scheidewand verbogen, namentlich nach rechts.Links oben findet sich eine faltenförmige Verwachsung zwischenSeitenwand und Septum. Die linke Pupille ist ein wenig weiter,als die rechte. Die Finger zeigen feinschlägiges Zittern; die Knie-sehnenreflexe sind sehr lebhaft.