Druckschrift 
Einführung in die psychiatrische Klinik : zweiunddreißig Vorlesungen
Entstehung
Seite
22
Einzelbild herunterladen
 

22

III. Vorlesung.

sehr gut, da er, wenn auch langsam und oft erst auf wiederholtesDrängen, so doch durchaus sinngemäß antwortet. Aus seinenkurzen, mit leiser Stimme gemachten Angaben entnehmen wir,daß er sich für krank hält, ohne daß wir über die Art und dieZeichen der Störung nähere Auskunft erhielten. Der Krankeschiebt sein Leiden auf die von ihm seit dem 10. Lebensjahrebetriebene Onanie. Dadurch habe er sich einer Sünde gegen das6. Gebot schuldig gemacht, sei in seiner Leistungsfähigkeit sehrheruntergekommen, habe sich schlaff und elend gefühlt und seizum Hypochonder geworden. So habe er sich im Anschlüsse andie Lektüre gewisser Bücher eingebildet, daß er einen Bruch be-komme, an Rückenmarksschwindsucht leide, obgleich beides nichtder Fall sei. Mit seinen Kameraden habe er nicht mehr verkehrt,weil er gemeint habe, daß sie ihm die Folgen seines Lasters an-sähen und sich über ihn lustig machten. Alle diese Angaben bringtder Kranke in gleichgültigem Tone vor, ohne aufzusehen oder sichum seine Umgebung zu bekümmern. Sein Gesichtsausdruck ver-rät dabei keine gemütliche Regung; nur ein flüchtiges Lachenzeigt sich hie und da. Außerdem fällt gelegentliches Stirnrunzelnoder Verziehen des Gesichtes auf; um Mund und Nase beobachtetman beständig ein feines, wechselndes Zucken.

Über seine früheren Erlebnisse gibt der Kranke zutreffendeAuskunft. Seine Kenntnisse entsprechen seinem hohen Bildungs-grade; er hat vor einem Jahre die Reife für die Universität er-worben. Er weiß auch, wo er sich befindet und wie lange er hierist, kennt aber die Namen der ihn umgebenden Personen nur sehrmangelhaft; danach habe er noch nicht gefragt. Auch über dieallgemeinen Zeitereignisse des letzten Jahres weiß er nur sehrspärliche Angaben zu machen. Auf Befragen erklärt er sich bereit,zunächst in der Klinik zu bleiben; lieber sei es ihm allerdings,wenn er einen Beruf ergreifen könne, doch vermag er nicht anzu-geben, was er etwa anfangen wolle. Körperliche Störungen sindaußer recht lebhaften Kniesehnenreflexen nicht nachzuweisen.

Auf den ersten Blick erinnert der Kranke vielleicht an dieDepressionszustände, die wir in früheren Stunden kennen gelernthaben. Bei genauerer Betrachtung werden Sie jedoch unschwerverstehen, daß wir es hier trotz gewisser ähnlicher Einzelheitenmit einem ganz andersartigen Krankheitsbilde zu tun haben. Der