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I. Vorlesung.
die niemals ein Irresein im engeren Sinne darbieten, wird sich dempsychiatrisch gebildeten Arzte ein Verständnis für Erkennung undBehandlung psychischer Störungen eröffnen, das ihm die Müheseiner Lehrjahre reichlich lohnt. Ungemein häufig schon ist esmir begegnet, daß ältere Ärzte über die Mangelhaftigkeit ihrerpsychiatrischen Kenntnisse geklagt haben, da sie erst draußen imLeben gesehen hätten, eine wie große Rolle tagtäglich auch in dergewöhnlichen ärztlichen Tätigkeit die richtige Beurteilung halboder ganz krankhafter Seelenvorgänge spiele. Daß diese Beurtei-lung von den Gerichten, Behörden, Berufsgenossenschaften ausden verschiedensten Anlässen immerfort verlangt wird, braucheich wohl nur anzudeuten.
Es liegt auf der Hand, daß ein tiefer dringendes Wissen inder Psychiatrie, wie in jedem anderen Einzelgebiete der Medizin,nur durch lange und gründliche Beschäftigung mit dem Gegen-stände erworben werden kann. Immerhin läßt sich auch in kürzererZeit wenigstens ein allgemeiner Überblick über die verbreitetstenFormen geistiger Störung erreichen. Unerläßlich ist dabei dieeigene Untersuchung und fortlaufende Beobachtung einer möglichstgroßen Zahl verschiedener Krankheitsfälle. Freilich werden auchnach einem oder zwei Semestern eifrigen klinischen Studiums dieFälle immer noch allzu zahlreich sein, in denen der Anfängeraußerstande ist, auf Grund der überlieferten und erworbenenErfahrung die rechte Deutung zu finden. Was aber doch verhält-nismäßig rasch erreicht werden kann und schon als erheblicherGewinn gelten darf, das ist die klare Erkenntnis der großen hiervorhandenen Schwierigkeiten, die Beseitigung jener heute nochso verbreiteten naiven Unkenntnis, die da glaubt, daß überGeisteskranke zu urteilen auch einem Nichtsachverständigenohne weiteres erlaubt sein müsse. —
Wenden wir uns nach diesen einleitenden Bemerkungen sofortder Befrachtung von Kranken zu, so stelle ich Ihnen zunächst einen59 jährigen Landwirt vor, der vor einem Jahre in die Klinik auf-genommen wurde. Der Kranke sieht viel älter aus, als er ist,besonders wegen seines zahnlosen Oberkiefers. Er faßt nicht nurdie an ihn gerichteten Fragen ohne Schwierigkeit auf, sondernbeantwortet sie auch sinngemäß und richtig, weiß, wo er sichbefindet, wie lange er hier ist, kennt die Ärzte, vermag Datum