Druckschrift 
2 (1864)
Entstehung
Seite
297
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Die Sonne war aufgegangen, auf der Straße kamen unsMenschen entgegen; ich nahm, obgleich mit innerlichem Widerwillen,den Antrag an. Er ließ lächelnd meinen Schatten zur Erde gleiten,der alsbald seine Stelle ans des Pferdes Schatten einnahm undlustig neben mir her trabte. Mir war sehr seltsam zu Muth. Ichritt an einem Trupp Landlcute vorbei, die vor einem wohlhabendenMann ehrerbietig mit entblößtein Haupte Platz machten. Ich rittweiter und blickte gierigen Auges und klopfenden Herzens seitwärtsvom Pferde herab auf diesen sonst meinen Schatten, den ich jetztvon einem Fremden, ja von einem Feinde, erborgt hatte.

Dieser ging unbekümmert neben her, und pfiff eben ein Liedchen.Er zu Fuß, ich zu Pferd', ein Schwindel ergriff mich, die Versuchungwar zu groß, ich wandte plötzlich die Zügel, drückte beide Sporenan, und so in voller Karriere einen Seitenweg eingeschlagen; aberich entführte den Schatten nicht, der bei der Wendung vom Pferdeglitt und seinen gesetzmäßigen Eigenthümer auf der Landstraße er-wartete. Ich mußte beschämt umlenken; der Mann im grauen Rocke,als er ungestört sein Liedchen zu Ende gebracht, lachte mich aus, setztemir den Schatten wieder zurecht und belehrte mich, er würde erst anmir festhangen und bei mir bleiben wollen, wann ich ihn wiederumals rechtmäßiges Eigcnthum besitzen würde.Ich halte Sie", fuhrer fort,am Schatten fest und Sie kommen mir nicht los. Einreicher Mann, wie Sie, braucht einmal einen Schatten, das ist nichtanders, Sie sind nur darin zu tadeln, daß Sie es nicht früher ein-gesehen haben."

Ich setzte meine Reise auf derselben Straße fort; es fandensich Lei mir alle Bequemlichkeiten des Lebens und selbst ihre Prachtwieder ein; ich konnte mich frei und leicht bewegen, da ich einen,obgleich nur erborgten, Schatten besaß, und ich flößte überall dieEhrfurcht ein, die der Reichthum gebietet; aber ich hatte den Todim Herzen. Mein wundersamer Begleiter, der sich selbst für denunwürdigen Diener des reichsten Mannes in der Welt ausgab, warvon einer außerordentlichen Dienstfertigkeit, über die Maßen gewandtund geschickt, der wahre Inbegriff eines Kammerdieners für einenreichen Mann, aber er wich nicht von meiner Seite, und führte un-