328
Geschichte der Heraldik. III. 1.
die bis dahin einen Einfluss auf das Wappenwesen nichtgenommen hatte. Der alte dreieckige Schild wurde seitder ersten Hälfte des 14 Jahrhunderts mehr und mehrin den Hintergrund gedrängt, durch die von demslavischen Osten entlehnte Tartsche. Der Verfasserder älteren Limburger Chronik, i) kennt diese Waffenicht als Neuerung; er sagt s. a. 1350: unde fürte manire Schilde unde ire tartschen na.
Die Tartsche ist beinahe viereckig, die Rändersanft gebogen, rechts oben ein Auschuitt, die — mitRecht oder Unrecht so genannte — Sperruhe. Späterist der Ober- und der Unterrand der Tartsche vielfachgezackt.
Der im Germanischen Museum aufbewahrte Holz-schild mit dem Wappenschilde der Stadt Deggendorf
dürfte die Tartsche 2 ) in ihrer ältesten Form darstellenund auch nicht dem 15. Jahrhundert sondern spätestensder zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts angehören.
Zum Zeichen, dass die Tartsche reiner Kampf-schild ist, sehen wir hier das Wappen der Stadt inder Mitte in einem besonderen dreieckigenSchildchen angebracht. Auf Grabsteinen ist dieTartsche in der Regel mit dem ganzen Wappen neuerenBegriffes, Schild, Helm und Helmdecken geschmückt.Das gleiche ist der Fall bei der unten zu erwähnendenOriginal-Tartsche in der St. Elisabeth-Kirche zu Mar-burg.
Als Kampfschild, mit dem ganzen Wappen ge-schmückt, findeu wir die Tartsche auf den Grabsteinenfolgender Herren:
Graf Otto VI. von Orlamünde, Herr zu Weimar,Rudolstadt und Arnstadt t 1318 (zu Himmelcron be-graben).
Burkhard gen. Reze von Bächlingen, Ritter t 1320(Kirche zu Bächlingen in Württemberg).
Hans v. Ibs f 1374 trägt auf seinem Grabmale eineTartsche ohne Bild (oder ist dasselbe nicht erkenn-bar?) 3 )
Hildebrand von Taufkirchen t 1381 *) (Vergl. dieAbbildung auf unserer Taf. 9 Nr. 4.)
1) Die Limburger Chronik des filemann Elhenvon Wolfhagen, herausgegeben von Arthur Wyss:Deutsche Chroniken und ältere Geschichtsbücher desMittelalters. Herausgegeben von der Gesellschaft fürältere deutsche Geschichtskunde. IV. Bandes 1. Ab-theilung Hannover 1883. 4o. (Hahnsche Buchhandlung).Dieser Ausgabe sind die obigen Citate entnommen.
2) Sie ist mit Oelfarbe bemalt, grün-roth gespalten.
3) Dr. K. Lind, die Grabdenkmale während desMittelalters. Fig. 32 S. 193.
4) v. Eye u. Falke, Kunst und Leben der VorzeitTaf. 60.
Die Tartsche als Kampfschild zeigt wie oben er-wähnt gegen Mitte des 15. Jahrhanderts einen mehrfachgezackten Ober- und Unterrand. In dieser Form sehenwir sie auf dem Grabsteine des Grafen Wilhelm III.von Henneberg (t 1444) in Schleusingen (Vergl. unsereTafel 9 Nr. 3); derselben Zeit gehört die (ebenda Nr. 6abgebildete) Tartsche ohne Wappenschmuck auf einemGrabsteine an der st. Mauritiuskirche zu Coburg an.
Genau von der Form der zuletzt erwähnten Stückeist die Marburger Original-Renntartsche eines Land-grafen von Hessen, welche nach meinem Dafürhalten indie Mitte des 15. Jahrhunderts gehört. In Vorder- undSeiten-Ansicht ist die Tartsche auf unserer Tafel 1 Nr. 3,die Rückseite auf Taf. 2 Nr. 1 abgebildet.
Warnecke 6 ) giebt von der Tartsche folgende Be-schreibung :
„Höhe 60.1 cm; mittlere Breite 35 cm; untereBreite 4? cm.
Die einwärts gekrümmte Tartsche ist aus Linden-holz gefertigt mit der Faserrichtung nach der Länge.Oben scheinbar — nach der abgeriebenen Endfläche zuurtbeilen — eine Hirnleiste, deren Dicke im Durch-schnitt 2 cm, an den Stellen der Rippen etwas mehrbeträgt. Die tiefste Einwärtskrümmung, gegen diemitteiste Rippe geraessen, beträgt 19,5 cm.
Der Schild ist beiderseits mit pergamentartigem,starkem Schweinsleder bezogen, unter welchem an dendurchgeriebenen Stellen Hanffasern in dünner wirrerLage — Werg — hervortreten. Auf der Rückseitewurde das Leder nur mit einem ganz dünnen Mennige-anstrich lasirt, die Vorderseite dagegen bis auf denRand mit mittelfeinem Leinen und darüber mit etwa1 mm starkem Kreidegrund überzogen, der mit echtemBlattsilber belegt ist. Auf diesem Grunde ist die ganzeZeichnung erst fein mit einer Nadel vorgerissen, dannmit kräftigen schwarzen Strichen ausgeführt und dieModellirung durch weiss aufgesetzte Lichter und schwarzeSchraffirung hergestellt.
Der mit Bergblau bemalte Wappenschild zeigt dengoldgekrönten und golden bewehrten rothen Löwen,dessen Auge gleichfalls golden tingirt ist, überzogenmit drei silbernen, schwarz umrissenen Balken. DieTincturen sind zuletzt mit Lack bestrichen, der starkzersetzt, d. h. abgestorben ist und eine feste Staubkrusteträgt, die sich nicht ohne Weiteres beseitigen lässt.Darunter jedoch zeigt sich die Farbe in voller Frischeerhalten. Der Kreidegrund mit Farbe ist vielfach ab-gesprungen und der Löwe schwer zu erkennen.
Die eisernen Krampen und Heken sind an den be-zeichneten Stellen der Rückseite angenietet." —
Versuche, die Tartsche als Substrat des Wappen-bildes zu verwenden, kommen seit der zweiten Hälftedes 14. Jahrhunderts vor.
Auf dem Grabsteine des Grafen Otto VII von Orla-münde, Herrn zu Plassenberg, Rudolstadt etc. etc. t 1340(zu Himmelcron) trägt der Graf am linken Arme die alsWappenschild behandelte Tartsche mit dem Löwen.")
Auf dem Grabmale des Ritters Otto von Pienzenanf 1371 7 ) ist die Tartsche Wappenschild: sie trägtunmittelbar den Schrägbalken mit drei Ballen.
5) Die mittelalterlichen heraldischen Kampfschildein der St. Elisabethkirche zu Marburg Berlin 1884.S. 34 f. — Eine weniger genaue Beschreibung findetsich in J. H. v. Hefner's Trachtenwerk II, 197.
6) v. Beitzenstein, Regesten der Grafen von Orla-münde Taf. 3.
7) Abgebildet bei Esstnwein, kulturhistorischerBilderatlas IL Band Mittelalter (Leipzig 1883) Taf. 78,