632
Gruppe XII. Graphische Künste.
recht wohl, dass Tadeln leichter ist als Bessermachen, aber es ist Pflicht,von der Vergangenheit zu lernen, denn die Beihe der Weltausstellun-gen dürfte noch lange nicht zu Ende sein. Es ist um so nöthiger, dieAufmerksamkeit immer und immer auf diesen Punkt zu lenken, denn,nach Wien zu urtheilen, scheinen die Erfahrungen, welche frühere Aus-stellungen an die Hand gaben, bei weitem nicht genügend gewürdigtzu- sein.
Wenn der österreichische Bericht über die Ausstellung in Parisim Jahre 1867 es als etwas Lobenswerthes von dem deutschen Buch-handel hervorhebt, „dass er seine Bücher sandte, wie sie in den Handelkommen und es verschmähte, mit der Darstellung des deutschen Gei-stes und seiner Wissenschaft eine Buchbinderausstellung zu verbinden“,so hat diese Bemerkung nicht eine viel grössere Berechtigung, als wennman es rühmen würde, dass ein Gelehrter in einer gewählten Gesell-schaft in nachlässigem Anzuge erscheint, weil es nicht für den Trägerder Wissenschaft passe, die Thätigkeit des Schneiders -zur Schau zutragen. Ist eine gesunde Seele in einem sorgsam gehaltenen Körperder Typus eines Menschen wie er sein soll, so ist ein werthvolles Werkin schönem Gewände jedenfalls das Buch wie es sein soll. Der Miss-brauch kann den Brauch nicht heben. Allerdings kann ein Buch durchseinen Einband mehr Gegenstand einer Buchbinderausstellung wer-den; weil es aber gebunden ist, ist dies noch lange nicht der Fall.Die Auffassung, dass eine Ausstellung der graphischen Künste eine Aus-stellung des Geistes der Auserwählten eines Volkes sei, würde, auf dieWiener Ausstellung angewendet, allenfalls für die Gruppe XXVI., jedochkeineswegs für die Gruppe XII. gelten. Eine graphische Ausstellungkann nur zeigen, dass die Hersteller der Ausstellungsgegenstände, mö-gen sie nun Buchhändler, Buchdrucker oder sonstige Gewerbetreibendesein, es verstanden haben, eine äussere Form für die Production derWissenschaft oder der Poesie zu finden, welche dem Inhalte, dem Stand-punkte der Technik und dem Volke, dem diese Geistesproducte angehö-ren, angemessen und würdig ist. Um dies beurtheilen zu können, istes gerade wichtig, dass ein Buch in dem Kleide vorgeführt wird, dases für die Dauer zu tragen hat. Ein illustrirtes Album muss man indein Prachtbande sehen; das für den täglichen Gebrauch bestimmteLese.- oder Nachschlagebuch möge in einem einfachen soliden Einbandegezeigt werden. Es liegt gerade vor uns Meyer’s vortrefflichesIlandlexicon; man nehme hiervon ein broschirtes und ein gebundenesExemplar zur Hand und das Urtheil wird ganz gewiss auf Grund desletzteren weit günstiger ausfallen. Die Broschüre ist nur das vorläufigeKleid, sie ist ein Negligeanzug, in welchem sich zwar Jeder, ohne nöthigzu haben, sich zu schämen, muss sehen lassen können, der aber dochnicht das Costüm ist, in welchem man sich in die Gesellschaft mischt.Ein broschirtes Buch kann man als Druckwerk nur nach den vier offen