Druckschrift 
1 (1874)
Entstehung
Seite
409
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Einleitung. 409

Gebieten der Weberei, die Verwerthung finden dürften. Bei demMangel an künstlerischen Traditionen hat sich bei uns der Unterrichtund das Studium guter Vorbilder als besonders förderlich für die Aus-bildung des Kunstgewerbes bewiesen. Einen hervorragenden Einflussauf den Fortschritt, welchen England und Oesterreich in kunstgewerb-licher Beziehung in den letzten Jahrzehnten gezeigt, haben die indiesen Ländern bestehenden Anstalten zur Förderung der Kunstgewerbe:das South Kensington Museum in London und das OesterreichischeMuseum für Kunst und Industrie in Wien, gehabt. Die gleichen Zweckeverfolgt das Gewerbemuseum in Berlin und das unter C. StegmannsLeitung stehende bayerische Gewerbemuseum in Nürnberg, welche beideohne Zweifel für unser Vaterland von gleich segensreichem Einflussauf die Entfaltung der Kunstgewerbe sein werden.

Im Allgemeinen ist eine Besserung des künstlerischen Geschmacksunverkennbar. Die Ungeheuerlichkeiten, welche die früheren Ausstel-lungen gerade auf dem Gebiete der Textilindustrie in besonderer Aus-wahl alsKunststücke lieferten, waren in Wien fast gaüz verschwun-den. Die Fabrikanten scheinen eingesehen zu haben, dass dergleichenDinge in der Regel auf einem Gewaltanthun des Stoffes durch das ihmnicht gefüge Muster beruhen und daher Geschmacklosigkeiten bilden.Es darf indessen nicht verschwiegen werden, dass gerade die schlimm-sten Beispiele dieser Gattung von deutschen Fabrikanten geliefert wor-den sind.

In m er ca n tili scher Beziehung sind in der uns vorliegendenEpoche verschiedene Strömungen wirksam gewesen, deren Einflüssehier kurz gekennzeichnet werden sollen. Die Pariser Ausstellung von1867 fiel in das Jahr nach einem kurzen, aber bedeutungsvollen Kriege,dessen Nachwirkungen sich in eigenthümlicher Weise auf die bethei-ligten Länder geltend machten. Einen lebhaften Aufschwung des Han-dels und der Industrie in Oesterreich begleitete eine Lähmung unsererdeutschen mercantilen Verhältnisse; die politische Unsicherheit, diestete Furcht vor weiteren kriegerischen Verwickelungen Hessen einengesunden Fortschritt der Gewerbe nicht zu und verhinderten die Bethei-lignng des Kapitals an ihnen. Im Sommer 1870 brach der Krieg mitFrankreich aus, der, wenn auch zwischen diesen beiden Völkern locali-sirt und nur auf französischem Boden geschlagen, doch vermöge derinnigen Beziehungen, in denen heute die gesammte civilisirte Welt zueinander steht, von dem weittragendsten Einflüsse gewesen ist. DerFriede liess für Europa endlich gesicherte Zustände erwarten und ent-wickelte eine Thätigkeit auf mercantilischem und gewerblichem Gebiete,die das lang entbehrte und ersehnte Aufathmen der Gemüther nurallzusehr erkennen liess und in fieberhafter Erregung die besonneneUeberlegung in Beurtheilung der bestehenden Verhältnisse zu leichtvergass. Ganz besonders mächtig war der Aufschwung in dem Lande,