408 Gruppe V. Textil- und Bekleidungs-Industrie.
durch gediegene Ausbildung des Musterfaches aus. Die LeistungenFrankreichs auf dem Gebiete der Seidenindustrie, in der Fabrikationvon Nouveautes für Damenkleiderstoffe, Möbel- und Decorationsstoffenzeigten, dass die Industrie dieses Landes trotz den gewaltigen Stürmen,die in den vergangenen Jahren durch dasselbe gebraust sind, nichtgelitten hat, dass die hohe Schule der Musterweberei noch heute dortzu suchen ist.
Unter den englischen Fabrikaten, welche sehr lückenhaft erschienensind, bildeten die Teppiche in prächtigsten Musterausführungen einenGlanzpunkt der ganzen Ausstellung und bewiesen die bedeutende Lei-stungsfähigkeit des Landes auch auf diesem Gebiete. Oesterreichs inallen Branchen der Weberei grossartige Ausstellung zeigte eine eifrigeund von den besten Erfolgen begleitete Rücksichtnahme der Fabri-kanten auf das Musterfach, welche diese auch in technischer Beziehunghoch entwickelte Industrie mehr und mehr vom Ausland emancipirenwird. Unsere deutsche Weberei ist leider noch weit entfernt eingleiches Lob für sich in Anspruch nehmen zu können. Technisch aufder Höhe der Zeit stehend, durch die Güte der Qualitäten und preis-würdige Herstellung derselben in vielen Artikeln jeder Concui'renz aufdem Weltmärkte die Spitze bietend, hat der deutsche Fabrikant nurin den seltensten Fällen dem Muster die gebührende Aufmerksamkeitgeschenkt. Verleitet durch das Bestreben möglichst billig zu produzi-ren, hat er die Heranziehung künstlerisch gebildeter Zeichner vernach-lässigt und sich zum Copisten fremder Erzeugnisse hergegeben. Zwar istnicht zu leugnen, dass dem Mangel eines Musterschutzgesetzes,der aufrichtig zu beklagen ist, eine grosse Schuld hier beizumessen ist,dass kleinliche Absatzverhältnisse, politische Unselbstständigkeit undmangelnder künstlerischer Sinn dem Aufschwünge der Kunstwebereihinderlich in den Weg traten. Heute jedoch, wo ein deutsches Reichunter den europäischen Nationen eine hervoi’ragende Stelle einnimmt,sollte die aller Landen anerkannte Intelligenz des deutschen Fabrikantenauch auf dem künstlerischen Gebiete die Schwingen entfalten. Wennunsere deutschen Industriellen den Abstand ihrer Artikel der Muster-weberei von denen anderer Länder, den die Ausstellung auf das Schla-gendste dargethan hat, erkannt haben und die Abhilfe ins Auge fassen,sind die grössten Kosten nicht umsonst aufgewendet worden.
Die werthvollsten Vorbilder stilvoller Mustercompositionen liefertedie Ausstellung durch die rege Betheiligung des Orients. Die in uraltenTraditionen sich forterbenden asiatischen Industrien gaben zahlreichePunkte der Anregung und Belehrung. Vornehmlich war es die Teppich-fabrikation der Türkei, Persiens und Indiens, welche in reichster Aus-dehnung vorgeführt, für die Belebung unserer europäischen Industriewerthvolle Nahrungsstoffe geboten hat. Die nationalen Hausindustrienhalbcivilisirter Völker zeigten beachtungswerthe Keime auf verschiedenen