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1 (1874)
Entstehung
Seite
142
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142 Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart.

schönen Farbenfiächen, das eine oder andere virtuos gemalte Gewand,Rüstungsstück, sondern die Gesammtstimmung und Harmonie des Co-lorits den künstlerischen Werth einer malerisch gefassten Scene be-stimmen. Das sollte doch schon die Analogie mit der verwandten Kunstder Musik lehren. Gerade in diesem Punkte stehen wir noch von demrechten Ziele weit ab. Man vergleiche ein deutsches historisches Bild,welches irgend ein grossartiges weltgeschichtliches Ereigniss versinn-licht, mit dem Bilde Rembrandts, das eigentlich einen ganz trivialen,nichtssagenden Vorgang, den Ausmarsch einer Amsterdamer Schützen-compagnie zu einem Preis- und Wettschi essen um einen Hahn oder einpaar Goldstücke, verkörpert. Wo pulsirt das reichere historische Leben,d. h. wo werden wir von der Empfindung unwiderstehlich gepackt, dassein einziges grosses Interesse alle Individuen durchdringt, dass sie ihreAlltagsgedanken bei Seite gesetzt, sich einer mächtigen Leidenschaft,einer tiefen Regung hingeben, wo ist die gewaltigere dramatische Kraft,die lebendigere Action? Die Antwort braucht nicht gegeben darum auchnicht eingehender ausgeführt zu werden, in welcher Richtung sichdie Studien unserer Maler' bewegen müssen, um endlich die lenden-lahme Natur unserer historischen Darstellungen zu brechen.

Zunächst müsste freilich die Voraussetzung der historischen Kunst,die Portr aitmalerei, einer besseren Pflege theilhaft werden. Mit dieserwar es quantitativ und qualitativ auf der Ausstellung schlecht bestellt.Den Stein auf die Künstler deshalb zu werfen, wäre unrecht. Die Häss-lichkeit der Frauentracht, insbesondere der Haartracht, die wir im Lebenaus guten Gründen übersehen, macht das Damenportrait beinahe un-möglich, die Dürftigkeit der physischen Ausbildung, die Einbohrung ineinen einseitigen Geschäftskreis, worüber die freie Persönlichkeit zu Grundegeht, das männliche Portrait in den meisten Fällen zu einer undankbarenAufgabe. Höhere Militairs und Künstler bieten fast allein noch dem Maleranziehende Typen, die letzteren selbst scheinen zu verzweifeln, demgegenwärtig lebenden Geschlecht künstlerische Seiten abzugewinnenund in einer Art von Resignation übertragen sie die modernen Gestaltenin vergangene Jahrhunderte, um sie portraitfähig zu machen. Lenbaehund Leibi sind die hervorragendsten Führer dieser Richtung, welchees versucht, durch das Medium der alten niederländischen oder deut-schen Kunst unsere Zeitgenossen zu betrachten. Von der technischenAneignungskraft der Künstler legen diese Bilder ein vortrefflichesZeugniss ab, es steht aber zu fürchten, dass sie nach beiden Seiten ihresStrebens hin Anstoss erregen. Um Studienköpfe in einem bestimmtenStil zu malen, dazu ist ihnen keine hinreichend freie Bewegung ge-gönnt, ein wahrhaftiges Conterfei zu liefern, dazu zwingen sie denKöpfen viel zu fremdartige Formen auf. <

Minder spröde zeigt sich die Natur der Gegenwart gegen dieGenremaler. Während die Portraitmaler aus der Gegenwart flüchten