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1 (1874)
Entstehung
Seite
141
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Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart. 141

geringen Fortschritt in der technischen Ausbildung können wir schonjetzt nicht verkennen. Er zeigt sich vielleicht am auffälligsten in denWerken der Münchener Schule, in welcher überhaupt die grösste Gäh-rnng zu herrschen scheint, der Gegensatz zu der früher hier üblichenKunstweise sich am schroffsten geltend macht, auch die Hinneigungzur französischen Kunst bis zur Manie am meisten bemerkt wird.

Bekanntlich hat die von Piloty geleitete Werkstätte das grössteVerdienst «um das überraschend rege Künstlerleben, das auf dem Mün-chener Boden wieder erstanden ist. Es scheint, dass Piloty ausschliess-lich die technische Unterweisung der zahlreichen Schüler leitet, ihreIndividualität im Uebrigeu durchaus frei sich entfalten lässt. Sonstwürden die grossen Contraste, welche die Werke derselben zeigen,schwer erklärt werden können. Darin liegt ein grosser Vorzug desPilotyschen Unterrichtes, da nur das Handwerk der Kunst mitgetheiltund erlernt werden kann. Nur um so deutlicher wird aber dadurchdie Zerfahrenheit, die in dem Gedankenkreise der Münchener Künstlerherrscht. Der plötzliche Bruch mit der Tradition, die rasche Wendungvon einer monumentalen, durch den Schutz des Fürsten getragenenKunst zu einer fast ausschliesslich auf die Gunst des Marktes angewie-senen , lassen das tumultuarische Treiben des jungen Geschlechts inMünchen nicht wunderbar erscheinen. Es gilt, die Aufmerksamkeitzu fesseln und durch das Neue oder Ausserordentliche in der Wahldes Gegenstandes oder der Ausdrucksmittel den Beschauer zu packen.Am weitesten geht darin der vielbelobte Gabriel Max, dessen Bildereine kränkliche Sentimentalität athmen, in Zeichnung und Farbe, eineinteressante Schwächlichkeit und Blässe zeigen. Von da zur leidig-sten Manier ist nur ein kleiner Schritt; ihn zeigt die Pieta Böclclins,eines reich angelegten Schweizer Malers, der aber seine Studien inMünchen gemacht hat, und den Farbensinn aus lauter Streben nachpikanten Effecten verwildern lässt. Diese Sucht nach Absonder-lichem wird sich. vielleicht verlieren, wenn ein grosses nationalesCulturleben, einheitlich in seinen Wurzeln, fest geschlossen in seinemWesen, in einem Mittelpunkt grossartig entfaltet, den Hintergrund derkünstlerischen Thätigkeit bildet. Aus dem gleichen Grunde liegenauch für die Historienmalerei, soweit von ihr als einer abgesondertenGattung der Kunst gesprochen werden kann, die helleren Tage vor unsund nicht hinter uns. Was uns aus München als Probe derselbenauf der Ausstellung geboten wurde, übte den Eindruck, als ob der Malerdie Kopftypen, die Bewegungen, die Gruppirungen, die Haltung derHelden, das ,Leben, welches das Auftreten grosser Volksmassen begleitet,weniger der Natur abgelauscht, sondern die Vermittelung einer änderenKunst, der dramatischen, angerufen hätte. Was aber dasColorit anbe-langt, auf dessen Wirkung ein so grosses Gewicht gelegt wird, so mussnachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass nicht die einzelnen