132 Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart.
Brutalität der Empfindung, die Ueberreizung der Sinnlichkeit, so reichtdas nicht hin, um die Phantasie der Künstler mit dem Kern der Volks-bildung, die besser ist, als die Denkweise eines im Ausnahmezuständelebenden Gesellschaftskreises, in feste Verbindung zu bringen. Nurdadurch aber lässt sich eine stetig gesunde Entwickelung der Kunsterwarten.
Die beste Folie verleiht der französischen Kunst die benachbartebelgische. Es gab eine Zeit, in welcher dieselbe zu den grösstenErwartungen zu berechtigen schien und einen weitgehenden Einflussauf die Nachbarländer auszuüben begann. Belgische Meister galtenden besten französischen Malern ebenbürtig, belgische Gemälde wur-den deutschen Künstlern als musterhaft zur Nachahmung angewiesen, dieAntwerpen er Akademie als tüchtigste Schule jungen Künstlern empfohlen.Nur kurz währte der Ruhm. Belgien besitzt offenbar keine ausreichendeLebenskraft, um auf die Dauer eine selbstständige Kunst zu schaffen,um diese längere Zeit auf gleicher Höhe zu halten. Der überwiegendeEinfluss der französischen Bildung lenkt auch die belgische Kunst viel-fach in französische Bahnen und giebt ihr den Charakter der Nach-ahmung. Das Gegengewicht finden die wenigen kräftiger organisirtenKünstler nicht in der frischen lebendigen Gegenwart des eigenen Vol-kes; sie rufen die Erinnerungen der heimischen Vergangenheit an, undsuchen die Formen derselben wieder mit möglichster Treue aufzufri-schen. Die belgische Malerei — sowohl die Architektur wie die Sculp-tur haben hiör nur eine untergeordnete Bedeutung und sind auch aufder Ausstellung nur dürftig vertreten — schlug wesentlich zwei Rich-tungen ein, eine, welche sich an die französische Kunst anschliesst, dieandere, welche einen archaistischen Charakter imitirt, nicht in der Na-tur, sondern in alten Bildern ihr Vorbild für Composition, Farbe undZeichnung findet.
AnderSpitzeder archaistischen Schule stand der jüngst verstorbeneHenri Leys, von welchem die Wiener Ausstellung sechs Gemäldeaufweist. Erholte die Gegenstände der Darstellung gern aus dem 15. oder16. Jahrhundert und gab der Composition, der Zeichnung und Farbegleichsam eine künstliche patina, den Schein der Alterthümlickeit.Wenn ein Zeitgenosse des Ereignisses dieses zu malen unternommen,so würde er die Aufgabe ungefähr in gleicher Weise ausgeführt haben.Nur hätte er den Vortheil gehabt, nach der Natur zu arbeiten, wäh-rend Leys Alles durch das Medium alter Bilder schaut. Man kannsich die Sehnsucht nach einer farbenreichen Vergangenheit bei Leyserklären, man muss die Energie des Künstlers, mit welcher er sich dieGestalten und Formen früherer Jahrhunderte zu eigen macht, bewun-dern , man kann aber das abgeblasste Leben, das seine Bilder athmen,nicht wegleugnen. Jedenfalls wird durch diese interessanten Versuche,altes Formenleben wieder zu wecken, nicht der Gang unserer Kunst be-