Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart. 131
sehenden Naturauffassung — Wiedergabe eng geschlossener Räume mitseltenen Durchblicken, ausschliessliche Betonung des Licht- und Farben-spieles — liegt, so erscheint sie doch gegenwärtig beinahe gänzlichausgebeutet und eben deshalb für das jüngere Geschlecht weniger ver-lockend. Uebrigens drängt die decorative Richtung in den anderenZweigen der Kunst nothwendig dazu, dass auch die Landschaftsmalereidieselbe ergreife. Möge nur der neue Weg nicht die Sehnsucht nachdem alten verlassenen Pfade wecken, wie in der Porträtmalerei, dieoffenbar in falsche Bahnen sich zu verlieren droht. Neben den ener-gisch im alten Stile behandelten Werken des auch als Kupferstecherverdienten Gaillard und neben den solid gearbeiteten Bildnissen,welche Fräulein Jacquemart ausstellte und von welchen einzelne, z. B.die Porträts des Exministers Duruy und des Marschall Canrobert,auch die strengste Prüfung trefflich bestehen, fallen die mit CarolusDuran bezeichneten Bildnisse dem Beschauer sofort in das Auge. Siestellen in Lebensgrösse drei Modedamen vor und haben dem Künstlerin Paris einen nicht geringen Ruf verschafft. Am besten kann mansie als Toiletteporträts charakterisiren. Die Hauptsache ist dem Künst-ler offenbar die elegante Robe, über deren treffliche Wiedergabe gewissjede Putzmacherin in Entzücken geräth. Die .schreienden Modefarbenbereiten dem Künstler keine Schwierigkeiten. Er erhöht die letzterennoch, indem er z. B. eine Dame mit blauem Unterkleide und lila Ueber-wnrf auf einen grünen Boden stellt. Diese Schwierigkeiten durch einevirtuose .Farbengebung überwinden, ist seine Hauptaufgabe, so sehr,dass daneben die Köpfe allen Charakter, und die Carnation, die sich derGewandfarbe unterordnet, alle Wahrheit verlieren. Man möchte wohlfragen: Haben denn die holländischen Porträtmaler ganz umsonst gelebtund lässt sich die Geistlosigkeit wirklich noch weiter treiben?
Man verlässt die französische Abtheilung mit einem sehr gemisch-ten Gefühle. Es wäre thöricht, zu leugnen, dass die französische Ma-lerei noch immer eine dominirende Stellung in der europäischen Kunst(England ausgenommen) einnimmt und dass sie diese Stellung durcheine Reihe trefflicher Eigenschaften verdient. Die tüchtige Schule wirdbeinahe bei keinem einzigen Maler vermisst. Die Schule verdirbt aberdie Individualität- nicht. Im Gegentheil, nirgends wird die Specialitätso weit ausgebildet, nirgends des Künstlers eigene Natur und selbst-ständige Richtung so wenig beschränkt, wie in Paris. Ihm ist Alleserlaubt, vorausgesetzt, dass er sein Werk effectvoll auszuführen versteht.Darin liegt aber die bedenklichste Seite der modernen französischenKunst. Indem sie die malerische Durchführung als Hauptziel sichsetzt, appellirt sie ausschliesslich an die Feinschmecker in der Kunstund trennt sich von dem Volksthume ab. Wohl hat sie einzelne Zügemodischer Bildung in sich aufgenommen, aber abgesehen davon, dasses nicht die besten Seiten derselben sind, die sie vertritt, wie z. B. die
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