Druckschrift 
Bd. 3, Abt. 2 (1874)
Entstehung
Seite
577
Einzelbild herunterladen
 

IV. Die Farbanstriche und vergoldeten llolzwaaren. 577

Spiegel; dessen Rahmen ziemlich unorganisch mit sehr breit entwickel-tem und ganz durchbrochenem Rollwerk umgeben war, in dem aberdie schönsten Köpfe, bärtiger kraftstrotzender Satyrn und sinnlich rei-zender Frauen, entzückten. Silber und Gold stand in wohlabgewoge-nem Verhältniss, ersteres gab als Farbe aller entschieden leblosen Theileden Grundton; vergoldet waren dagegen der Eierstab des inneren ge-raden Rahmens, das Schuppenband des äusseren Rahmens, die Löwen-köpfe und Akanthusblätter auf dem an letzterem befestigten Rollwerk,die Köpfe an diesem, die figürlichen Reliefs einiger Medaillons. Einanderer Spiegelrahmen verband sehr geschickt ornamentale Formen ausder Zeit Louis XVI. mit dem Rococomotiv der seitwärts schwebenden Put-ten, die eben einen Vorhang von der Bildfläche fortgehoben haben.Sehr schön war auch hier bald matte, bald Glanzvergoldung verwendet,an Einzelnem auch grünes Gold, so an dem Kranze, welcher ein inWedgwood-Imitation weiss auf lichtblauem Grunde gehaltenes Medail-lon mit der Reliefbüste eines jungen Mädchens umgiebt, das, von zweiPutten zwischen blumengeschmückten Füllhörnern gehalten, als Be-krönung des Rahmens dient. An einem Consoltische, dessen Stilsich dem Louis XVI. näherte, war diesem auch durch schwächlicheTönung, matten gelblich grauen Grundton mit blaugrauen Gliedern,nachgegeben; Farben, die hier allerdings auch dem künstlichen Stoffenicht fern liegen. Ein Ständer gaine im Stil der Renaissancedes Franzosen Ducerceau war die gelungenste Imitation vonEbenholz, die man sehen konnte, dabei alle Kanten in der auf Tan-nen-Blindholz aufgetragenen Masse mit einer Schärfe gezogen, als seidas echtes hartes Holz.-War hier die Nachah muug eines für das Augedurchaus homogenen Stoffes nicht störend, so waren die Versuche, auchgeädertes Holz,'z. B. Nussbaum, durch Bemalung nachzuahmen, we-niger erfreulich. Entschieden verwerflich aber ist es, noch weiter zugehen und durch Bemalung und Lack die Steinjjapjje oder die Stuck-masse als- Majolica erscheinen zu lassen, wie an einer Console zu sehen.Das waren jedoch Ausnahmen, die den vortrefflichen Eindruck desGanzen nicht trüben konnten. Im Ganzen ist bei allen diesen Sachenfranzösischer Einfluss, Pariser Schulung unverkennbar. Durch fastalle Leistungen, an welchen Stil sie auch anknüpfen, geht ein ge-meinsamer originaler Zug, der sowohl in einer auffallenden Familien-ähnlichkeit aller Figuren, den halbgeöffneten oder verschämt nieder-blickenden Augen, der feingezogenen Nase, dem lüstern leichtgeöffnetenMunde der schönen Frauenköpfe, den drallen Putten, wie in einer mei-sterhaft natürlichen Behandlung der Pflanzen, von denen wir nur andie Lorbeerfestons des Rahmens mit dem Wedgwood-Iielief erinnern,ausgeprägt ist und unverkennbar auf eine und dieselbe künstlerischeKraft deuten, als welche denn auch der Modelleur Jos. Cherel ge-nannt und durch die Mitarbeitermedaillc ausgezeichnet worden ist.

Wiener Weltausstellung. III. 2. o7