Ueber Zusammensetzung und Herstellung des Glases. 705
Entglasung. Unter Entglasen verstellt man ganz allgemein dieVeränderung, welche das Glas in seiner Masse erleidet, entweder da-durch, dass man dasselbe sehr langsam erkalten lässt oder dass man eseiner langandauernden Erweichung unterwirft. Das Entglasen beruhtdarauf, dass das Glas aus dem amorphen Zustande theilweise in einenkrystallinischen übergeht, und zeigt sich äusserlich dadurch, dass esseine Durchsichtigkeit verliert oder dass sich in der amorphen Glas-masse heim Erkalten krystallinische Gebilde ausscheiden, die sich radialum einen Punkt zu kugeligen Massen vereinigen oder sich auch wohlsternförmig gruppiren. Eine andere Art des Entglasens ist das soge-nannte Erblinden des Fensterglases, welches durch die Einwirkung derAtmosphärilien auf fehlerhaft zusammengesetztes Glas hervorgerufenwird.
Betreffs des Vorganges der eigentlichen Entglasung (Bildung vonReaumur’schem Porzellan) finden wir zweierlei Ansichten vertreten.
Dumas 1 ) sieht in der Entglasung eine partielle Krystallisation desGlases, hervorgerufen durch die im Augenblicke der Entglasung ein-tretende Bildung von Verbindungen, welche bei der stattfindenden Tem-peratur unschmelzbar sind. Das Entstehen dieser relativ unschmelz-baren Verbindungen hat nach Dumas’ Annahme seinen Grund theilsin der Verflüchtigung von Alkali, theils in einer einfachen Umlagerungder das Glas zusammensetzenden Elemente, wobei die Alkalien zumeistin den Theil übergehen, welcher den glasartigen (amorphen) Zustandheihehält. '
Pelouze 2 ) und Splittgerber 3 ) können keinen Verlust amAlkali constatiren, und betrachtet Ersterer die Entglasung als eineAusscheidung schwer schmelzbarer Silicate in kleinen Krystallen.Das entglaste Glas 4 ) erleidet keine Veränderung hinsichtlich derNatur oder Qualität seiner ursprünglichen Bestandtheile; die zuKugeln zusammengehäuften Krystalle, welche durch eine Masse vondurchsichtigem Glase von einander getrennt sind, zeigen die nämlicheZusammensetzung wie das letztere.
Sehen wir nun, welche der obigen Theorien durch die seit 1862ausgeführten Untersuchungen, bestätigt worden ist.
Zu der Ansicht von Dumas glaubt E. Lenssen 5 ), welcher dieEntglasung eines mit einem Dampfkessel von 1V 2 bis 2 Atmosphären
4 ) Dumas, Handb. d. angewandten Chemie II, 595; 2 ) Pelouze,
Wagn. Jaliresber. 1855, 147. 3 ) Splittgerber, Wagn. Jahresber. 185,5,
152. 4 ) Pelouze, Chim. appl. aux arts. Benrath, Beiträge z. Chemie
des Glases, Dorpat 1871 , 36. ß ) Lenssen, Journ. f. pr. Cliem. LXXXV,95; Wagn. Jahresber. 1862, 351.
Wiener Weltausstellung. III.
45