Siliciumyerbindnngen.
Von Dr. Rudolf Biedermann,
Assistenten am-Berliner Universitätslaboratorium.
Unter den rohen Naturprodueten, welche die Industrie zu Zweckendes menschlichen Gebrauchs verarbeitet, giebt es neben den Kohlenstoff-verbindungen keine Gruppe, deren Glieder eine grössere Mannichfal-tigkeit darbieten, als diejenige, welche von dem Silicium und seinenVerbindungen gebildet wird. Diese Mannichfaltigkeit beruht nicht nurauf der Variation der Metalle, welche mit der Kieselsäure (denn stetsin Verbindung mit Sauerstoff tritt das Silicium in der Natur auf) ver-bunden sind, sondern auch auf der verschiedenen Constitution derKieselsäure selbst. Wenn auch die Technik auf diese in den meistenFällen der Verarbeitung der Silicate keine Rücksicht zu nehmen braucht,so ist doch jeder Versuch, in die Structur der so überwältigend zahl-reichen Silicate, in welchen je eine verschiedene Kieselsäure auftritt,einiges Licht zu bringen, von grossem Nutzen, denn mit der Kenntnissder Natur wächst die Herrschaft über dieselbe. In Rücksicht hieraufmögen die folgenden flüchtigen Sätze über die merkwürdig reichhaltigeVerschiedenheit der Silicate hier zunächst einen Platz finden.
Der vierwerthige Charakter des Siliciums und seine Aehnlichkeitmit dem Kohlenstoff treten in seinen elementaren Eigenschaften, derExistenz dreier allotropischer Modificationen, welche dem amorphenKohlenstoff, dem Graphit und dem Diamant_entsprechen, ganz besondersaber in seinen Verbindungen, deutlich hervor. Das Silicium verbindetsich mit 4 Atomen Wasserstoff zu Kieselwasserstoffgas, mit 4 AtomenFluor zu Fluorsiliciumgas; das Siliciumchlorid hat die ZusammensetzungSiClj; man kennt einen dem Chloroform analogen Körper SiHClg, eineSilicium-Ameisensäure HSiO,OIl, das Leukon, und zahlreiche andereVerbindungen, welche die Vierwerthigkeit des Siliciums beweisen.
Danach würde die Existenz einer Hydroxylverbindung, einer Säurevon der Formel Si(OH) 4 , der freilich kein Kohlenstoffanalogon entspricht,wahrscheinlich sein. Man nimmt nicht ohne Grund das Vorhandenseindieses Körpers in einer wässerigen Kieselsäurelösung und in dem