282 Gruppe III. Chemische Industrie.
dieser Rohstoffe an Stickstoff nicht eine so bedeutende Steigerung derCyanbildung hervorgerufen habe, um das theuere Material und dieanderweitigen Nachtheile zu ersetzen.
Trotzdem bleibt die billige Ueberführung der Schwef'elcyan- inFerrocyanverbindungen noch eine Aufgabe, deren Lösung lohnend und vongrosser Wichtigkeit wäre, da erstere von der Gasindustrie in ganz bedeu-tender Menge aus einem anderen Rohstoffe zur Verfügung gestelltwerden. .Bei der Leuchtgasfabrikation wird bekanntlich der Stickstoff derSteinkohle grösstentheils in Ammoniak und zum Theil wahrscheinlichdas letztere durch den Einfluss der glühenden Retortenwände in Cyan-ammonium umgewandelt 1 ). Dieses setzt sich mit dem gleichzeitigund in grosser Menge auftretenden Schwefelamnionium sehr leicht indie entsprechende Rhodanverbindung um, die sich im Condensations-wasser und in der trockenen (Eisenoxyd haltenden) Reinigungsmassein grosser Menge vorfindet. Die Verarbeitung der sogenannten L ami n gsehen Masse, die ausser Schwefelcyanammonium noch Berlinerblau enthält,auf Cyanverbindungen hat nun auch seit dem Vorgänge von Gautier-Bouchard 2 ) in Aubervillier mehr Verbreitung gefunden und auchauf der Wiener Ausstellung mehrere Vertreter gehabt (Seybel &Wagenmann, Kun heim & Co.), ohne dass jedoch namhafte materielleResultate als daraus folgend hervorzuheben wären. Von den Stoffen,die in der zur Gasreinigung unbrauchbar gewordenen Masse als weiterverwerthbar vorhanden sind, ist neben den Cyanverbindungen auchnoch schwefelsaures Ammonium und Schwefel in der Regel Gegenstandder technischen Verarbeitung und deshalb neben der letzteren die Zer-setzung der Cyaneisenverbindungen häufig eine sehr umständliche undwenig lohnende Operation. Der zur Aufschliessung angewandte Kalk führtneben der Ferrocyanverbindung so grosse Mengen Schwefel in Lösung,liefert ausserdem, ohne die Rückstände an Cyan zu erschöpfen, so verdünnteLaugen, dass die Umwandlung der letzteren in Blutlaugensalz mehrKalisalz und mehr Brennmaterial erfordert, als den Erfolgen entspricht.
Anders jedoch würde sich die Ferrocyangewinnung aus dem Leucht-gase gestalten, wenn die in der Reinigungsmasse vorkommenden grossenMengen von Rhodanverbindungen wohlfeil auf Ferrocyanverbindungenverarbeitet werden könnten, oder wenn das überdestillirende Cyan-ammonium vor der Einwirkung des Schwefelwasserstoffs durch Eisen-oxyd geschützt werden könnte und Gelegenheit fände, bei der Con-densation sogleich in eine Ferrocyanverbindung umgewandelt zuwerden — mit anderen Worten, wenn das rohe Leuchtgas von dem
*) De Komilly beobachtete (Compt. rernl. LXV, 865) die Bildung vonCyanammonium, wenn das Leuchtgas Ammoniak enthält und mit russenderFlamme verbrennt. 2 ) Gautier - Bouchard, Monit. scientif. 1864, 268;Wagn. Jahresber. 1864, 255.