Die Jonischen Inseln unter venetianischer Herrschaft. 251
Längere Zeit hindurch trat jeder in den Rath ein, dem's be-liebte, unter andern die gesamutte Strathia oder Militär-colonie, von welcher noch die Rede sein wird. Der großenZahl der Mitglieder wegen, oft über tausend, mußten dieRathsversammlungen im Freien gehalten werden und warenvöllig tumultuarisch und den Einflüssen der Mächtigen oderVerwegenen preisgegeben. Die Ernennungen zu den Ämtern,schreibt ein General-Proveditor im Jahre 1624, durch dennicht etwa populären sondern bäuerischen, Pflug und Hackehandhabenden Rath, geschehen in solcher Verwirrung, daß Un-ordnung die einzige Ordnung ist. Im folgenden Jahrhundertsuchte man durch Anlage eines Bürgerregisters dem ÜbelEinhalt zu thun. Aber noch im Jahre 1754 drückte Pas-quale Cicogna, der die Insel verwaltet hatte, sich folgender-maßen aus: „Die zahlreiche Bevölkerung Cefalonia's zeichnetsich durch die Beharrlichkeit aus, nichts ohne ungezügelte Be-gierde oder Neigung zu unternehmen. Alles, was die Eitelkeitund das Interesse des Stärkern im Gegensatz zum Recht desSchwächer« an die Hand geben können, ist bei diesem Volkeüblich, welches seine Glückseligkeit nicht nach der Befolgungder Gesetze ermißt, sondern nach dem Maße der über Andereausgeübten Herrschaft. Aus diesem Prinzip, welches allenStänden je nach dem Vermögen eines Jeden innewohnt, ent-springen wie aus vergifteter Quelle alle Mißbräuche, Gewalt-thaten, Erpressungen, Spoliationcn, Güterverheerungen, ver-leumderische Angaben und sonstige Schlechtigkeiten, welche zu un-aufhörlichen Beschwerden Anlaß geben und selbst den Oberge-richten anhaltend zur Last fallen." Vergleicht man diese Schil-derung mit denen, welche, beinahe achtzig Jahre später, ein bri-tischer Gouverneur (Resident) der Insel, der nachmals vielge-nannte Sir Charles I. Napier, von dem Zustande der Bevöl-kerung Cefalonia's entwarf, so erhält man einen moralischen Com-mentar zu den dortigen Ereignissen politischer Natur neuererZeiten, namentlich unter dem Lord-Obercommissär Sir HenryWard, dessen blutige Repression separatistischer Bestrebungen diedunkelste Episode in den Annalen des ionischen Volkes bildet.