Druckschrift 
Kleine historische Schriften
Entstehung
Seite
169
Einzelbild herunterladen
 

Thronentsagung und Ende.

169

Geist ist aber stets schwankend. Zu jedem äußersten Ent-schlüsse fähig, berührt er bald mit Adlerschwingen die Wolken,bald den Boden wie der Maulwurf."

Das Mißtrauen dieses Fürsten verfolgte nicht blos diehöchsten Beamten, es erstreckte sich auch aus die eigne Familieund hat nur zu traurige Folgen gehabt.Als Victor Ama-deus zu Ende 1713 zur Besitzergreifung nach Sicilien ging",erzählt Saint Simon,nahm er die Königin mit, welchegleichfalls gekrönt wurde, und ließ in Turin einen gutgewählten,aus wenigen Personen bestehenden Rath zur Besorgung derRegierungsgeschäste zurück. Er hatte der Herzogin seiner Mutterdie Regentschaft angeboten, diese jedoch ihn gebeten sie von derAnnahme zu dispensiren. Der König vergab ihr nicht fran-zösisch gesinnt und im Lande wie bei Hofe sehr beliebt zu sein.Seine Eifersucht war so weit gegangen und er hatte ihr soviel Mißvergnügen bereitet, daß nur ganz äußerliches gutesEinvernehmen zwischen ihnen herrschte. So war die Regent-schaft kalt angeboten und verständigerweise abgelehnt worden.Die Königin, ebenso französisch wie ihre Schwiegermutter, warnicht glücklicher als diese; Beide lebten in inniger Freundschaftund Vertraulichkeit. So ernannte der König seinen ältestenSohn, den Prinzen von Piemont zum Regenten. (Der Prinz,wie sein Vater Victor Amadeus genannt, war am 6. Mai1699 geboren und stand somit im fünfzehnten Lebensjahre.)Er war für sein Alter groß, gut aussehend, vielversprechend.Der König trug dem Regentschaftsrath auf den Prinzen zuunterweisen und ihm über Alles Auskunft zu geben um ihnzu den Geschäften heranzubilden, und ihn bisweilen mit Ab-sicht allein handeln zu lassen, um zu sehen wie er sich be-nehmen würde.

Der junge Prinz ging auf die Geschäfte ein und zeigtesich so fähig, daß er das Conseil in Staunen setzte. SeineZugänglichkeit, die Richtigkeit und Klarheit seiner Antworten,seine Bescheidenheit und Höflichkeit, sein Wunsch zu gefallenund sich die Leute zu verpflichten, das Mißvergnügen welcheser bei der Nothwendigkeit eines abschlägigen Bescheids empfand