I.
Die sünfundfünfzigjährige Regierung und das bewegteLeben des ersten Königs aus dem Hause Savoyen haben mitEreignissen geendet, welche einen langen traurigen Nachklangzurückgelassen und auf die Geschichte von Dynastie und Staatim ersten Drittel des letzten Jahrhunderts einen dunklenSchatten geworfen haben. Victor Amadeus II. bildete mitAmadeus VHI. und Emanuel Philibert das Triumvirat derausgezeichnetsten Herrscher eines Staates, dessen eigenthümlichegeographische Lage ihn entweder zu bedeutender politischer Machtoder zur Zertrümmerung zwischen mächtigeren Rivalen, jeden-falls zu einer sriedenlosen Existenz prädestinirte. Die Schwächeoder vielmehr die Wandelbarkeit der nächsten Nachbaren aufbeiden Seiten der Alpen hat den kleinen Herren, die rittlingsauf dem Gebirge saßen, von einer Stellung Nutzen zu ziehenerlaubt, die sie ernsten Gefahren blosstellte, weil sie ihren ma-teriellen Mitteln nicht zu entsprechen schien, deren Schwierig-keiten aber, mit ihrem Ehrgeiz, ihren Scharfsinn und ihreEnergie steigerten. Während ihre Gewandtheit ihnen ermög-lichte, sich allmälig nach beiden Seiten hin auszubreiten, be-günstigte das Glück sie insoferne, als sie zur Zeit, wogroße Staaten sie zu unterdrücken hätten versuchen können,hinlänglich erstarkt waren, um der Gefahr auszuweichen. Jawährend die zu allen Zeiten mächtige Attractions- und Assimi-lationskrast Frankreichs sie bedrohen zu müssen schien, kam dieendlose Zerstückelung Italiens ihnen zu Hilfe. Dem erstenunter den sovoyischen Herrschern, welcher eine spezifisch ita-