^ tzZ 6. Die Belagerung von Candia im Jahre 1668.
den Befehl zum Rückzuge geben. Dieser erfolgte unter den größten Ver-lusten und dem beständigen Nachdrängen der Türken, übrigens in guterOrdnung. Ein Vorstoß des im Graben verbliebenen Restes der Reserve-kolonnen und das kräftige Eingreifen der Venezianischen Geschütze von denWällen verhinderte, daß der Feind gleichzeitig mit den Zurückgeheudcn inden Graben eindrang.
Von den 450 Kavalieren, die den Ausfall unternommen, kehrten nur230 zurück, und auch von diesen starben später noch 50 an ihren Wunden,so daß der Ausfall im Ganzen 270 das Leben kostete. Die Zahl dergetödteten und verwundeten Diener und Grenadiere ist nicht bekannt. DieTürken sollen 1200 Mann verloren haben; doch beruht diese hohe Angabeauf der Aussage eines Türkischen Ueberläufers, dessen Wahrheitsliebe nichtaußer allem Zweifel ist. Der Großvezir ließ die abgeschlagenen Köpfe derFranzosen auf Piken gesteckt vor den Wällen der Festung aufpflanzen zumHohn für die Belagerten, denen freilich der Ausfall keinerlei Vortheile ge-bracht hatte, während die Türken daraus nur eine neue Bestätigung ihrer Unüber-windlichkeit entnahmen. Die Enttäuschung der überlebenden Kavaliere überden Mißerfolg ihres mit so viel Hoffnung und Selbstbewußtsein unternommenenAusfalles war so groß, daß sie allen Muth verloren und verlangten, sofortnach Hause geführt zu werden. Sie bezogen auch nicht mehr ihren früherenPosten bei S. Andrea, sondern hielten sich thatenlos in der Stadt auf. Erstam 24. Januar 1669 konnte ihre durch heftige und widrige Winde verzögerteAbreise nach Frankreich erfolgen. Unterwegs brach auf den Schiffen diePest aus, an der noch sehr viele zu Grunde' gingen, so daß schließlich nurein trauriger Ueberrest der mit so hochfliegenden Plänen ausgezogenen Schaarin Toulon landete.
Bis zum Schluffe des Jahres 1668 fand bei Candia kein nennens-werthes Ereigniß mehr statt. Die Zahl der Vertheidiger schmolz von Tagzu Tag mehr und mehr zusammen. Es fehlte zwar nicht an Bataillonenund Kompagnien, allein die Zahl der Soldaten, aus denen sie bestanden,war überaus gering. Die stärksten Kompagnien hatten kaum noch 30 bis40 Mann, andere aber zählten nicht mehr Soldaten als Offiziere. Dasehemals 6000 Mann starke Savoyische Regiment z. B?ch war auf 1500zusammengeschmolzen. Die Deutschen, Savoyarden, Malteser und Schweizer(diese jedoch in geringer Zahl, weil sie sehr kostspielig waren), hielten dieAußenwerke und die angegriffenen Bastione besetzt, Italiener, Griechen undSlavonier standen in Reserve und thaten den Dienst in der Garnison;Französische Söldner gab es nur wenige. Auch sämmtliche männlichen Ein-wohner der Stadt waren bewaffnet worden und besetzten bei einem Alarmgewisse meist im Innern der Stadt und am Hafen gelegene Posten. Jasogar die Frauen und Kinder wurden bei der Vertheidigung herangezogen,
*) Vergl. die zweite Anmerkung auf S. 127.