Druckschrift 
Der Kampf um Candia in den Jahren 1667 - 1669
Entstehung
Seite
114
Einzelbild herunterladen
 

114 1> Kurze Geschichte des Krieges um Candia bis zum Jahre 1667.

200 000 Menschen bewohnt wurde. Von hier aus war Venedig im Stande,den Handelsverkehr seiner Schiffe nach den Küsten von Kleinasien, Syrienund Griechenland zu schützen und mit der Kriegsflotte rasch überall zu er-scheinen, wo seine Interessen dies erforderten.

Die gleichen Vortheile aber, die die Insel den Venezianern bot, machtesie auch für die Türken begehrenswcrth und zwar umsomehr, als die An-wesenheit einer starken Venezianischen Kriegsflotte so nahe an Konstantinopelals eine stete Drohung für die Hauptstadt angesehen werden mußte. Vondem Wunsch nach dem Besitz bis zum Versuche ihn zu erlangen, war aberbei der gewaltthätigen Politik der Pforte damals kein weiter Weg. Manwartete in Konstantinopel nur ans eine Gelegenheit, um sich der Insel zubemächtigen. Die Spannung zwischen beiden Staaten war infolge ver-schiedener Zwistigkeiten, zumeist veranlaßt durch Seeräubercien von beidenSeiten denn auch die Venezianer verschmähten es nicht, Handelsschiffe derUngläubigen zu kapern bereits auf einen hohen Grad gestiegen, als sichim Jahre 1644 den Türken die Gelegenheit bot, ihren Plan der EroberungCandias ausznführen. Hervorgerufen war der Ausbruch der Feindseligkeitenzwar nicht durch die Venezianer sondern durch die Malteser. Dieser Ritter-orden faßte nämlich schon seit Langem seine Aufgabe des Kampfes gegen dieUngläubigen dahin auf, daß er nach Korsarenart das Meer befuhr und alleTürkischen Schiffe, deren er habhaft werden konnte, kaperte oder zerstörte.So hatte auch im September 1644 eine Maltesische Flotte von sechs Galeerenin der Nähe von Rhodus eine Anzahl Türkischer Schiffe überfallen, vondenen eins eine Gemahlin des regierenden Sultans Ibrahim sowie derenachtjähriges Söhnchen an Bord hatte.*) Die Türkischen Schiffe wurdenvon den Maltesern nach tapferer Gegenwehr erstürmt, zum Theil zerstört,zum Theil mitgeführt. Die Sultanin und ihren Sohn brachte man nachMalta, wo sie nach Kurzem am Heimweh starb, während das Kind getauftund in der christlichen Religion erzogen wurde. Der junge Sultanssohntrat, nachdem er erwachsen war, unter dem Namen Pater Tomasso Ottomanoals Mönch in den Orden der Dominikaner ein. Wir werden ihm späterim Verlauf der Ereignisse, in denen er eine gewisse Rolle spielen sollte,wieder begegnen.

Der Ueberfall der Malteser rief in Konstantinopel große Erregung her-vor, und die Kriegspartei drängte nach Wiedervergeltung. Anstatt diese aberan den Schuldigen, den Maltesern, zu üben, rüstete man mit Macht gegendie Venezianer, und zwar weil diese einigen Maltesischen Schiffen Aufnahmein den Häfen von Candia gewährt hatten. Vergebens berief sich derVenezianische Gesandte bei der Pforte darauf, daß Venedig in seiner Stellung

*) Die Türkischen Geschichtsschreiber behaupten allerdings, es sei nicht die Gemahlindes Sultans selbst sondern die eines anderen Türkischen Großen gewesen; doch kannman ihren Angaben schon deshalb nicht allzuviel Vertrauen schenken, weil ihnen daranliegen mußte, das Mitgefangene Kind nicht als berechtigten Thronerben anzuerkennen.