Druckschrift 
3 (1792) Ueber die Moral
Entstehung
Seite
279
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I

Von d. übrigen Tugenden u. Laftern. 2

Ob wir gleich den natürlichen Fähigkeiten denNamen der Tugenden verfagen, fo müffen wir dochzugeben, dafs fie Liebe und Achtung der Menfchenverfchaffen; dafs fie den übrigen Tugenden einenneuen Glanz geben; und dafs ein Menfch, der da-mit verfehen ift, unfre Gewogenheit und Dienftbe-fliffenheit weit eher auf fich zieht, als einer, dervon ihnen gänzlich entblöfst ift. Man kann in derThat behaupten, dafs das Gefühl der Billigung, wel-ches dergleichen Eigenfcliaften hervorbringen, aufserdafs es niedriger ift, auch etwas verfcbiede-nes von demjenigen hat, welches mit den übrigenTugenden verknüpft ift. Aber diefes ift meinerMeinung nach kein hinreichender Grund, fie vondem Verzeichnifie der Tugenden auszufcldiefsen.Jede Tugend, felbft Wohlwollen, Gerechtigkeit,Dankbarkeit, Rechtfchaffenheit, erzeugt eine ver-fchiedene Empfindung oder Gefühl in dem Zu-fchauer. Die Charaktere von Cäfar und Kato,fo wie fie Salluft fchildert, find beide tugendhaft,im ftrengften Sinne des Worts; aber auf eine ganzverfchiedene Weife: und die Gefühle, welche fieverurfachen, find daher nicht gänzlich einerlei. Dereine bringt Liebe, der andere Achtung hervor: dereine ift liebenswürdig, der andere ehrwürdig. Wirkönnten wünfchen, einen Freund zu haben, derden einen Charakter befäfse; auf den andern wür-den wir uns felbft etwas einbilden, wenn wir ihnbefäfsen. Eben fo ift auch der Beifall, den wir v denNaturgaben ertheilen, dem Gefühle nach etwas ver-

fchieden