Von d. übrigen Tugenden u. Laftern. 1451
So wie einige Eigenfchaften ihr Verdienft da-durch erhalten, dafs fie andern unmittelbarangenehm find, ohne eine Beziehung; auf das all-gemeine Belte; fo werden auch einige deshalb tu-gendhaft genennt, weil fie der Perfoh , die fie hat,unmittelbar angenehm find. Iede Leiden-feh aft und jede Wirkung der Seele hat ein eigen-thümliches Gefühl, das entweder angenehm oderunangenehm ift. Das erfte ift tugendhaft, daszweite lafterhaft. Diefes eigenthümliche Gefühlmacht die wahre Natur der Leidenfchaft aus; undbedarf daher keiner weitern Erklärung.
Allein ob nun gleichjder Unterfchied zwifchenTugend und Lafter, aus dem unmittelbaren Ver-gnügen oder Mifsvergnügen geradezu zu fliefsenfeheint, welches die einzelnen Eigenfchaften in unsoder Andern verurfachen; fo ift doch leicht zu be-merken, dafs erauch einem beträchtlichen Theile nachvon dem fo oft urgirten Princip der Sympathie ab-hängt. Wir geben einer Perfon unfern Beifall, diefolche Eigenfchaften befitzt, die ihr felbft unmit-telbar' angenehm find; ob fie gleich faft kei-nem Menfchen etwas nützen. Um diefes zu erklä-ren , mtiffen wir die vorhergehenden Principien zuHülfe nehmen.
So, um eine allgemeine Ueberficht diefer Hy-potliefe zu geben, wird jede Eigenfchaft des Ge-müths tugendhaft genennt, welche bei ihrer blofsenAnfchauung Vergnügen gewährt; fo wie jede Ei-genfchaft, die, fobald man fie fich vorftellt, Unluft
gewährt,