Druckschrift 
3 (1792) Ueber die Moral
Entstehung
Seite
142
Einzelbild herunterladen
 

nachdenken, zu bekennen, dafs alles Eigenthumund alle Verbindlichkeiten vollkommen find. Wennwir nun aber auf der andern Seite den Urfprung desEigenthums und der Verbindlichkeit erwägen undfinden, dafs fie von dem öffentlichen Nutzen undbisweilen von den Neigungen-der Imagination ab-hängen, die feiten ganz auf die eine Seile fallen;fo find wir von Natur geneigt zu glauben, dafs dielernoralifchen Verhältniffe ebenfalls einer kontinuirli-chen unmerklichen Gradation fähig find. Daherkömmt es, dafs in Fällen, wo den Richtern durchEinwilligung der Partheien der Ausfpruch über ei-ne Sache gänzlich übertragen ift, diefe gemeinig-lich fo viel Gründe der Billigkeit und Gerechtigkeitauf beiden Seiten finden, dafs fie bewogen werdeneinen Mittelweg zu treffen! und die Anfprüchezwifchen beide Partheien zu theilen. BürgerlicheRichter, welche diefe Freiheit nicht haben, fon-dern die nothwendig einen entfeheidenden Aus-fpruch auf irgend einer Seite geben miiffen, find da-her oft in Verlegenheit, wie fie fprechen follen, undfind gezwungen auf die läppifchfte Art in der Weltzu verfahren. Halbe Piechte und halbe Verbindlich-keiten, die fo natürlich in dem gemeinen Leben zufeyn fcheinen, find vor ihren Richterftühlen voll-kommne Abfurditäten; daher fehen fie fich oft ge-nöthiget halbe Argumente für ganze zu nehmen, umnur die Sache auf irgend eine Art zu enden.

111. Der dritte Grund diefer Art, denich gebrauchen will, ift folgender. Wenn wir den