HIZ Geistliche Briefe.
nämlich die Heiligkeit und alles Gute habenwill als ein Gut, daß wir für uns selbstbesitzen, ja das wir erworben, oder dochdas uns als eine Frucht unsers aufrichtigenVerlangens geschenket worden sev? und dasliegt so tief, und ist Eigenheit. Darum Hab'ich oft gesagt, daß man die reineste und hei-ligste Verlangens nicht mit Heftigkeit mäßeaüsgeken, sondern sanft und demüthig wiedereinsinken laßen in den Grund, woraus sieentstehen, und da mit einem kindlich süßenVertrauen stille liegen bleiben, und erwar-ten das, was GOtt möchte geben wollen.Solchergestalt wird keine Seele zu schändenwerden, es mag so seltsam durch einandergehen, als es will.
Sinket man aber nicht, sondern willsin der Heftigkeit des Verlangens, oder imeigenen Wirken, durchsetzen; so muß manoft das Gegentheil von demjenigen Gutenerfahren, ja wohl gar thun, das man dochso herzlich wünschet, denn der HErr läßt sichnichts vorschreiben noch abzwingen; sondernes ist eitel Gnade. Dieß gehet stufenweise,denn GOtt ist unendlich-langmüthig. Sähedie Seele im Anfang die Befleckrheit ihresThuns und Verlangens, so würde sie infalsche Trägheit oder Muthlostgkeit kommen.
Seelen aber, die GOtt zur kindlichenUeberlaßung leitet, die werden matt, unru-hig und elend, so bald sie aus dem Kinder-wesen ausgehen; so bald sie sich aber wie-der