Druckschrift 
2 (1815)
Entstehung
Seite
69
Einzelbild herunterladen
 

69

M o r g e u klag e u

O du loses, leidigliebes Mädchen,

Sag' mir an, womit Hab' ich's verschuldet.Daß du mich auf diese Folter spannest,

Daß du dein gegeben Wort gebrochen?

Drucktest doch so freundlich gestern AbendMir die Hände, lispeltest so lieblich:

Ja, ich komme, komme gegen MorgenGanz gewiß, mein Freund, auf deine Stube.

Angelehnet ließ ich meine Thüre,

Hatte wohl die Angeln erst geprüfet,

Und mich recht gcfreut, daß sie nicht knarrten.

Welche Nacht des Wartens ist vergangen!Wacht' ich doch und zählte jedes Viertel:Schlief ich ein auf wenig Augenblicke,

War mein Herz beständig wach geblieben.Weckte mich von meinem leisen Schlummer.

Ja, da segnet' ich die Finsternisse,

Die so ruhig alles überdeckten.

Freute mich der allgemeinen Stille,

Horchte lauschend immer in die Stille,

Ob sie nicht ein Laut bewegen mochte.

Hätte sie Gedanken, wie ich denke,

Härte sie Gefühl wie ich empfinde,

Würde sie den Morgen nicht erwarten,Würde schon in dieser Stunde kommen."

Hüpft' ein Kätzchen oben über'» Boden,Knisterte das Mäuschen in der Ecke/

Regte sich, ich weiß nicht was, im Hause,Immer hofft' ich, deinen Schritt zu hören,Immer glaubt' ich, deinen Tritt zu hören.