Druckschrift 
1 (1790) Ueber den menschlichen Verstand
Entstehung
Seite
598
Einzelbild herunterladen
 

598 Ktitifche Verfuche.

fogleich zu entfcheiclen ift, ob ein Gegenftand alsMaterie möglich fey, oder nicht; fo inufs ficli auchaus den Elementen der menfchlichen Erkenntnifs ur-tlieilen laffen, ob ein Gegenftand für uns erkenn-bar fey, oder nicht. So viel fich entdecken läfst,find die Philofophen von jeher in der Unterfuchungüber den Urftoff der menfchlichen Erkenntnifs inzwei grofse Partheien zerfallen, deren jede wieder-um mancherlei Abweichungen erlitten hat. Einigeglaubten, die letzten Elemente aller Erkenntnifs wä-ren in der Empfindung, oder in dem, was der Em-pfindung entfpricht, anzutreffen ; Andre urtheilten,es läge ein Theil diefer Elemente (das Allgemeineund Abfolutnothwendige derfelben) in der Naturdes Gemütlis. Leibnitz vertheicligte die letztereMeinung unter den Neuern am glncklichften; Lo-cke, Hume und faft alle franzöfifche und engli-fche Weltweife neuerer Zeit fchlugen fich auf dieSeite der erftern. Vielleicht wichen Ge nur deswe-gen von einander ab, rveil fie der Mangel deutlicherErörterungen hinderte, fich felbft gehörig zu verhe-ilen. Es ift in der Philofophie ein fehr gewöhnlicherFall, dafs fich die Meinungen nur zu widerfprechenfcheinen, und dafs fie genau befehen, alles fchein-baren und wirklichen Widerftreites ungeachtet,dennoch fämtlich etwas Wahres enthalten, fo, dafsfie fich oft durch geringe Einfchränkungen vereini-gen laffen. Der Haupteinwurf, der Leibnitzenentgegenftelit, ift: Wenn das Allgemeineund Noth wendige der Erkenntniffe im

Ge-