Druckschrift 
1 (1790) Ueber den menschlichen Verstand
Entstehung
Seite
506
Einzelbild herunterladen
 

5oö Ueber die menfchliche Natur.

macht, dafs unfre entfernten Vorfteilungen in einan-der einiliefsen, und uns für unfre vergangene oderkünftige Luft oder Unluft ein gegenwärtiges lnter-effe giebt.

Da uns das Gedächtnifs allein mit der Konti-nuirlichkeit und der Extenfion diefer Succeffion derVorfteilungen bekannt macht, fo ift es in dieferIlinficht hauptfächlich als die Quelle der perfönli-chen Identität anzufehen. Hätten wir kein Gedächt-nifs, fo würden wir nimmermehr einen Begriff derurfachlichen Verknüpfung haben, und folglich auchkeinen Begriff von der Kette der Urfachen und Wir-kungen, welche unter Selbft oder unfre Perfon aus-machen. Aber wenn wir einmal diefen Begriff derKauffalität: von dem Gedächtniffe erhalten haben, fokönnen wir cliefelbe Kette der Urfachen, und folg-lich auch die Identität unfrer Perfonen über unferGedächtnifs hinaus verlängern, und Zeiten und Um-ftände und Handlungen mit faffen, die wir fchongänzlich vergeffen haben, und von denen wir nurim Allgemeinen vorausfetzen, dafs fie einmal wirk-lich gewefen find? Denn wie wenige von unfern ver-gangenen Handlungen find es,, die wir noch im Ge-dächtniffe haben? Wer zum Exempel kann mirwol fagen, was er am erften Ianuar 1715, den elf-ten März 17J9, und den dritten Auguft 1733 gedachtund gethan hat? Aber will er behaupten, weil erdie Vorfälle jener Tage gänzlich vergeffen hat, dafsfein gegenwärtiges Selbft nicht diefelbe Perfon mitdem Selbft jener Zeit fey, und auf diefe Art die al-ler-