I?6 Üe’ber die menfchliche Natur.
Allein fobald cler Umltand erwähnt ift, der feinGedächtnifs trift, fo erfcheinen diefelbigen Begriffefogleich in einem neuen Lichte, und erregen ge-wiffermafsen ein ganz verfchiedenes Gefühl, als vor-her mit ihnen verbunden war. Ohne irgend eineandre Veränderung, als die des Gefühls, werden fieunmittelbar Vorftellungen des Gedächtniffes, undwerden als folclie anerkannt.
Da alfo die Einbildungskraft alle die Objekteclarftellen kann, welche uns das Gedächtnifs giebt,lind diefe beiden Vermögen lieh blos durch das ver-fchiedene Gefühl, welches mit den dargeftellten.Begriffen verbunden ift, unterfcheiden ; fo miiffenwir nothwendig die Natur diefes Gefühls erwägen.Und hier, glaube ich, wird ein jeder leicht mitmir einig feyn, dafs die Begriffe des Gedächtniffesweit ftärker und lebhafter find, als dieBegriffe der Phantafie* Ein Mahler, der die Ab-ficht hätte, eine Leidenfchaft oder irgend eine Ge-müthsbewegung darzuftelien, würde ficli bemühen,den Anblick einer Perfon zu erlangen, die in einerähnlichen Bewegung begriffen wäre, um feine Be-griffe zu beleben und ihnen eine Stärke und Leb-haftigkeit zu verfchaffen, die alles übertrift, wasman in blofsen Dichtungen der Einbildungskraftfindet. Je neuer das Andenken an die Sache ift,defto klarer ift der Begriff davon; und wenn mannach einem langen Zwiichenraume die wirklicheAnlchauuug des Objekts mit feinem Begriffe ver-gleichen wollte, fo würde man allemal finden, dafs
der