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9 (1887) Spanien - Vives
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Vives.

wann denn nun eigentlich dies alles zu lesen sei, und er antwortet darauf: im reifenMannesalter und zum Teil im Greisenalter, in denjenigen Stunden, welcheman sonst mit Spiel und Müßiggang hinbringt. Noch wollen wir aus diesem Abschnitthervorheben, daß Vives auch Platons Bücher vom Staat und Thomas Morus'Utopie will gelesen haben, weil sich aus diesen Werken, wiewol sie auf den jetzigen Zu-stand der Menschheit im ganzen nicht anwendbar sind, doch im einzelnen viel Nützlichesfür die Leitung der Staaten entnehmen lasse. Hinsichtlich der Gesetze stellt Vives alsunerläßlichste Forderung allem voran, daß sie jedermann bekannt sein sollen. Siemüssen daher so einfach als möglich, und zwar in der Volkssprache, abgefaßt sein undsollten, wie die Gesetze der zwölf Tafeln bei den alten Römern, von den Knaben aus-wendig gelernt werden. Charakteristisch für Vives ist ferner, daß er verlangt, die Gesetzesollen nicht nur auf Erhaltung der Eintracht unter den Bürgern berechnet, sondern auchgegen die auswärtigen Völker gerecht und billig sein.

Die Abhandlungäo vita et moridus sruäiti" ist ein würdiger Abschluß des be-deutenden Werkes. Nirgends dürfte man die sittlichen Grundsätze, welche das wissen-schaftliche Studium leiten und die Haltung des Gelehrten bestimmen müssen, in Kürze soeindringlich und überzeugend dargelegt finden. Eine Hauptrolle spielt dabei natürlichwider die Bekämpfung des Hochmutes, der Streitsucht und der Eitelkeit, welche denSchein über die wirkliche Leistung setzt und lieber den Gegner besiegen, als die Wahr-heit ermitteln will. Wer bei dercollatio stuäiorum" (welche Vives an die Stelledes ehrgeizigen Disputierens setzt) den besseren Gründen des anderen nachgiebt, soll nichtbesiegt" genannt werden. Wenn die Wahrheit nur ausgesprochen wird, so kommt esnicht darauf an, von wem? Die Kritik ist überall nötig, darf aber nie in persönlicheHerabsetzung des Gegners ausarten. Neid und Haß, welche jeder großen Leistung folgenwerden, soll man geduldig tragen. Wenn ein anderer etwas entdeckt, sollen wir ihmaufrichtig Glück wünschen, denn die Wahrheit gehört niemals einem allein; sie ist allengemeinsam.

Die beiden in England verfaßten Briefeäs rations stuäü" sind etwa acht Jahreälter als das Werkäs clisoiplinis" und sind so zu sagen aus dem Stegreif geschrieben,doch erkennt man in ihnen im allgemeinen schon die Grundzüge der späteren Lehre. Umfreilich den Nutzen solcher Anleitungen zu begreifen, muß man bedenken, wie wenig da-mals selbst bessere Lehrer es verstanden, einen methodischen Gang im Unterricht einzu-halten. Vives selbst scheint z. B. hinsichtlich des Griechischen noch geschwankt zuhaben. In dem Briefe an den jungen Montjoie erwähnt er nur ganz im allgemeinen,daß man nach der Ansicht Quintilians das Griechische zugleich mit dem Lateinischen(d. h. die grammatischen Elemente beider Sprachen gleichzeitig) lernen könne, währendman damals noch im allgemeinen das Griechische erst begann, wenn man das Lateinischevollständig bewältigt hatte. Später schlug dann Vives einen Mittelweg ein, der durchdas Beispiel Sturms und anderer zur allgemeinen Geltung gelangte, ohne daß man jedochseine sehr richtige Forderung beachtet hätte, daß das erste Studium der griechischen Gram-matik mit einer gründlichen Widerholung und wissenschaftlicheren Verarbeitung der lateini-schen parallel gehen sollte. In der Anweisung für den Lehrer der Prinzessin Mariasind die ersten Elemente sehr ausführlich behandelt und wir finden dabei neben sehrempfehlenswerten Regeln über die Sorge für eine gute Aussprache, über Pflege des Ge-dächtnisses, Gründlichkeit in der Einübung der grammatischen Formen u. s. w. auchmanches Überflüssige, das übrigens nicht von Vives in den Lehrgang hineingebracht, sonderneben nur von dein damals üblichen Verfahren beibehalten wurde. Die leichte Benützungdes jugendlichen Ehrgeizes, welche Vives bei den Knaben gestattet, um die Scheu vor.dein Lateinsprechen zu überwinden, findet sich hier ein wenig stärker betont,*) wobei mau

*)Ltiinulstur woäo praemiolis, inocko eontsntions st asmulationsi lauästur ipsa,lauästur et alia ipsa auäisnts". Vives verlangt, daß die Prinzessin mit drei bis vier sorg-fältig ausgewählten Mitschülerinnen unterrichtet werde.