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9 (1887) Spanien - Vives
Entstehung
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642
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642 Urteilskraft.

Erkenntnisse und Gedankenkreise zu legen. Logik wissen nützt wenig, aber Logik anwendennützt viel-

Was hat nun die Schule für die Ausbildung der Urteilskraft zu thun? Daß in derVolks- und gewöhnlichen Bürgerschule kein besonderer theoretischer Unterricht in der Denk-lehre zu erteilen sei, ist an sich klar; aber das bewußte Denken, das richtige Urteilenist auch hier schon methodisch zu üben, und nicht dem bloßen Zufalle zu überlassen. Indem ArtikelDenkübungen" ist hierüber das Wesentliche bemerkt. Wir fügen hierhauptsächlich nach den treffenden Bemerkungen Benekes (Erziehungs- und Unterrichts-lehre I. § 31 ff.) noch folgendes hinzu. Da die einfachste Operation der Urteilskraftin der Verbindung von Merkmalen zu Begriffen besteht, die Merkmale aber aus Vor-stellungen und Anschauungen entnommen werden, so ist die Gewinnung richtiger Vor-stellungen, d. h. die richtige Auffassung der Erkenntnisobjekte die notwendige Basis einesrichtigen Urteils, und die erste Regel für die Ausbildung der Urteilskraft lautet: Ver-schaffe dir über die Gegenstände, welche du beurteilen willst, eine möglichst vollkommeneSachkenntnis. Man verfahre daher genau und gründlich, nicht flüchtig und oberflächlichim Beobachten der Außen- und Innenwelt, und hüte sich vor Sinnestäuschungen undEinbildungen. Nichts ist für die Bildung eines richtigen Urteils nachteiliger, als ein

flüchtiges, unaufmerksames Auffassen, und diesem hat der Erzieher daher vor allem ent-gegenzuarbeitcn. Zeigt sich das Kind zur Flüchtigkeit geneigt, so führe er es durch Um-wege öfter auf dieselbe Auffassung zurück, damit sie wenigstens durch diese widerholteThätigkeit die erforderliche Klarheit und Stärke erhalte: oder er veranlasse das Kind,an dem Gegenstände irgend etwas nach eigenem Plane umzubilden oder auszubilden.Nichts prägt sich tiefer ein, als was wir uns durch zweckmäßige Selbstthätigkeit zu eigengemacht haben.

Hiermit hängt die pädagogische Regel zusammen, daß bei den Denkübungen nichtszu übereilen, das Kind nicht zu schnell von der konkreten Vorstellung zum abstraktenBegriff hinzuführen ist. Beginnen wir die abstrakte Verarbeitung der Anschauungen zufrüh, so zeigt sich bald ein Mangel an vorrätigen Vorstellungen, der nicht leicht nach-zuholen und durch nichts zu ersetzen ist. Man lasse daher in dieser, wie in andererBeziehung Kinder Kinder bleiben, so lange die durch keine Verbildung gestörte Entwicke-lung es mit sich bringt. Die altklugen Kinder werden meistens sehr gewöhnliche Köpfe.Die Natur hat gewollt, daß der Mensch zuerst überwiegend sinnlich und rezeptiv, daraufüberwiegend reproduktiv sei, und dann erst produktiv werde für das Intellektuelle, undder Erzieher hat diese Ordnung nicht zu stören. Der Fortschritt vom konkreten Borstellenzum abstrakten Denken werde daher überall klar und rein ausgeführt, ohne Sprünge,ohne zu große Schritte, und man stelle der Fassungskraft nur das als Aufgabe, was siezu fassen wirklich im Stande ist.

Ein großer Teil falscher Urteile stammt aber nicht aus eigenen Jrrtümern, sondernaus falschen Beobachtungen, Einbildungen, falschen Folgerungen rc., welche wir von anderenMenschen überliefert bekommen und als wolbegründete Wahrheiten annehmen. Schonfrüh Pflanze daher der Erzieher in die Seele des Zöglings den Trieb zu eigener Prüfung.Er gewöhne denselben, das von anderen Überlieferte nicht bloß historisch sich anzueignen,sondern sogleich in Denkoerhältnisse zu setzen, dein früher Erfahrenen, Selbstgedachten,Gelernten an der rechten Stelle anzureiheu und mit diesem zu vergleichen. Wo die Sachevon der Art ist, daß sie ein eigenes Schauen und eigene Versuche erlaubt, rege und leiteer das Kind auch zu diesen an, nehme, was aus eigener Triebkraft hervortritt, mag esauch der Produktion nach noch so unvollkommen sein, sobald es nur mit Geistesregsamkeitund aufmerksamer Benutzung des bereits Erworbenen ausgeführt ist, mit wolwollenderAufmunterung und Anerkennung auf und befördere solche Kraftanstrengungen durch Fragen,sowie dadurch, daß er den Fragen des Kindes, wo sie rechter Art sind, ein willigesOhr schenkt.