538 Übcrbiirdung.
Wenn endlich die Anklage auf Überbürdung besonders von dem Hause erhobenworden ist, so soll vor allem auch das Haus selbst und zuerst seine Pflicht prüfen underfüllen. Die Verfehlung, ja hier und da die Entartung des häuslichen Lebens ist obendargelegt; um zu gesunder Kinderzucht zu gelangen und die Söhne für die Einwirkungeiner besonnenen und wolabgemessenen, von unnützer Hemmnis gereinigten Schulerziehungzu öffnen, soll das Haus die gerügten Fehler abthun und die entgegengesetzten Wegewandeln. Einfachheit, nicht Kärglichkeit, und Ruhe, nicht Schlaf und Teilnahin-losigkeit des Lebens, Maß im Genuß und in der Arbeit, stetiges und selbstbegnügtesStreben, nicht Hast und Wagnis beim Erwerb sei das Gesetz, welches leicht zu befolgenund reich an erfreuender Frucht ist. Und im Urteil gelte Scheu und Maß; nicht lieb-lose Tadelsucht, sondern liebevolle Hilfeleistung walte im Umgang wie im bürgerlichenLeben! Fern bleibe die engherzige und kurzsichtige Parteisucht, noch ferner die Demagogie,welche sich nie mit der Gemütssammlung und noch weniger mit der Wahrhaftigkeit ver-trägt; dies gilt von jedem Streben und für alle Parteien in Staat und Kirche, derengutes Schild nie die Verwerflichkeit der Mittel zu decken vermag. Still und be-wegt, das schickt sich für Alte und Junge, es wehrt der Zerstreuung und sammelt dieKraft; wie sollte nicht die Frucht der Schule auf solchem Boden besser gedeihen, als inder auseinanderstrebenden Unruhe des jugendlichen Gemüts?
Wir sind am Schluß; wenn unsere Erörterung über Begriff und Beseitigung derÜberbürdung hinauszugehen scheint, so wird hoffentlich aus ihr erhellen, daß die Schul-erziehung sich nur als ein einheitliches in dem lebendigen Zusammenhang und dem Zu-sammenwirken seiner Glieder wurzelndes Wesen begreifen läßt, dessen Erkrankung auchnur aus seinen eigenen Lebensbedingungen und Lebenszwecken geheilt werden kann. DieseHeilmittel sind nicht der Art, um von außen erkannt und leichthin abgemessen zu werden.Nicht der unstete Blick der Menge, noch die Berechnung äußeren Nutzens vermögen sie zuentdecken; wie jede wahre Arznei gehen sie auf Reinigung und Kräftigung des einheit-lichen Geistes, auf seine Lösung aus äußeren Fesseln, auf Förderung seines gesunden undseiner ewigen Bestimmung gemäßen Wachstums. Für den Jugendlehrer, der sich mitsorgsamer Beobachtung und hingebender Liebe in das Wesen und das Wachsen diesesGeistes einzuleben vermag, sind seine Gesetze und Heilmittel nicht schwer zu entdeckennoch zu verwenden. Aber sie fordern Klarheit des Entschlusses und Akut zur Durch-führung desselben; sie verlangen warme Empfindung für das Heil der Jugend und kühleAbwehr zudringlicher Ratschläge, mögen dieselben aus dem Munde besorgter Väter,methodischer Heilkünstler oder unreifer Jünger des Lehramts stammen. Fleiß und Arbeitmüssen um ihres sittlichen Wertes und ihres Zieles willen der Schule und der Jugendverbleiben; aber sie werden durch Vereinfachung der Forderungen und somit auch derMittel nicht geschädigt, sondern mit größerer Kraftübung und wertvollerer Frucht belohnt.Nicht Schlaffheit noch Gewinnsucht haben ein Recht an unsere Schulerziehung; nur klare,straffe, liebevolle Verfolgung des höchsten Bildungsziels darf ihre Gesetze bestimmen. Esmögen der Menschheit, es mögen unserem Volke neue Entwickelungsreihen bevorstehen;sollen sie heilsam verlaufen, so ist für sie Sammlung der Kraft, Ausbildung der Eigen-art, Liebe des Ideals noch stärker und reiner nötig als bisher. Je verwickelter und ge-trübter das Leben, desto klarer und tiefer sollen die Wege und Mittel der Jugendbildungwerden; aber das himmlische Ziel und das kraftvolle unablässige Ringen nach demselbendarf weder geschmälert noch verdunkelt werden, anderenfalls die Menschheit wie dasVolkstum an ihrer Idee und Entwickelung argen Schaden leiden würden.
Schräder.
Umgang. (Vergl. auch d. Art. Geselligkeitstrieb.) Wenn dieser Gegenstand fürwichtig genug gehalten worden ist, in eigenen Monographieen abgehandelt zu werden —wir nennen aus älterer Zeit nur das vielgelesene Buch des Freiherrn von Knigge „überden Umgang mit Menschen", aus neuester die pädagogische Schrift von Barch „überdenUmgang" (Leipzig 1870), —so verdient es auch in unserem Werke bedacht zu werden.