Tadel.
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zuwenden. In elfterer Beziehung wird es namentlich darauf ankommen, daß der zuTadelnde sich seines verschuldeten Zurückbleibens bewußt sein kann, also die Überzeugungvon der Gerechtigkeit des ihm gemachten Vorwurfes haben muß. *) Da diese Bundes-genossenschaft des Gewissens nicht immer wirklich vorhanden ist, vielmehr wie bei jederStrafe so auch beim Tadel die Selbstgerechtigkeit und Eigenliebe den Eingang zu ver-schließen sucht, so ist die Anerkennung der Gerechtigkeit des ausgesprochenen Urteils vonseiten des davon Betroffenen nicht schlechthin zu erwarten, vielmehr wo jene nicht erfolgenwill, a xaxa ma-Is inkorinuto all mslius inkormunäuin zu appellieren und die Empfind-lichkeit, welche den Tadel entweder offen zurückweist, oder durch die Zeichen der Ver-stimmung ihm Schranken zu setzen hofft, geradezu als ein weiterer Zeuge für die Be-rechtigung des Tadelnden zu behandeln. Denn die bescheidene Selbstachtung des Menschen,die sich in dem ruhigen und ehrerbietigen Versuche der Rechtfertigung und Entschuldigungausspricht, geht niemals bis zur persönlichen Misstimmung, selbst wenn der Tadel un-verdient war. Aber ein gerechter, in den Formen der Mäßigung angebrachter Tadelwird von einem sittlich richtig verfaßten Gemüte als Wolthat empfunden. Der Gerechteschlage mich freundlich und strafe mich; das wird mir also wol thun, als Balsam aufmeinem Haupte (Ps. 141, 5). Der Empfindliche aber verbindet das Interesse seinerPerson mit dem gemachten Fehler; die Beseitigung des Fehlers erscheint in dem ver-kehrten Spiegel seiner Selbstliebe wie eine Aufhebung seines gesamten persönlichen Werts.Andererseits hat der Tadelnde eben die Persönlichkeit an sich von dem einzelnen Gebrechenoder Fehler zu unterscheiden. Der Tadel darf nicht persönlich werden, wenn es sich nurum eine Leistung handelt. Er richtet sich nur auf den einzelnen Willensakt, nicht aufden Willensgrund und auf die sittliche Gesamtrichtung der Person, und selbst wenn essich um eine gänzliche Veränderung der sittlichen Lebensrichtung des Getadelten handelt,so muß der Trieb zum Guten als das eigentliche, wesentliche Selbst des Menschen, dasSchlimme als etwas Hinzukommendes, dem besseren Ich selber Lästiges und Wider-strebendes vorausgesetzt werden. Diese Voraussetzung giebt dem Tadel jene wolwollendeArt, durch welche er sich einem der Wahrheit nicht ganz entfremdeten Gemüte als eineWolthat empfiehlt, während jedes Zeichen von Geringschätzung oder gar Verachtung, jedeBitterkeit (oclium amori mixtum sagt Bengel) und Grobheit die entgegengesetzte Wirkunghat. Eine besonders zu vermeidende Art der Geringschätzung ist der Spott, der denGetadelten dem Gelächter preisgiebt, eine Stellung, welche von schwächeren Charakteren,daher namentlich auch Kindern, meist schwerer ertragen wird, als eine zu harte Züchtigung.Nicht als ob die Ironie als Erziehungsmittel gänzlich zu verwerfen wäre; aber sie mußmit viel Vorsicht und mehr in heiterer als strenger Weise zur Anwendung kommen,wenn sie ihren Zweck nicht verfehlen soll. — Fraglich kann es erscheinen, ob der Vor-wurf der „Dummheit" als Tadel zulässig sei, da hiermit zunächst doch, wie es scheint,eine Beschränktheit der geistigen Anlage bezeichnet wird, für welche der einzelne nichtverantwortlich ist. Allein in Wahrheit ist damit vielmehr der selbstverschuldete Nicht-gebrauch der wirklich vorhandenen Urteils- und Leistungskraft als das oben Gegebene ge-meint. Ein schwachbegabter Mensch, der seine Kräfte treu gebraucht, erscheint nicht dumm,auch wenn er auffallende Fehler begeht; der Gesamteindruck seines Thuns wird durch densittlichen Ernst unterstützt und vor Geringschätzung bewahrt. Hinsichtlich des Gebrauches,der vom Tadel zu machen, ist ferner Sparsamkeit eine wesentliche Bedingung seiner Wirk-samkeit. Während die Ausstellung die Leistung des Zöglings ununterbrochen begleitet,und bis ins Kleinste sich erstreckt, darf der Tadel wie das Lob nur verhältnismäßig seltenzur Anwendung kommen.**) Wird die Willensthätigkeit des Zöglings durch ein mit
/) »Ein einziges Wort ungerechten Tadels schadet mehr, als hundert Worte gerechtenLadel« wider gut machen." (Curtman). D- Red.
**) Es gehört zur Erzieherweisheit, an der rechten Stelle auch einmal etwas übersehen zukennen, nicht unerbittlich alles zu bemerken und zu rügen. D. Red.