Druckschrift 
2 (1791) Ueber die Leidenschaften
Entstehung
Seite
272
Einzelbild herunterladen
 

27 2 Ueber die menfchliche Natur.

der Einbildung, und erfchwert es diefem Ver-mögen fehr, eine lange Succeffion oder Reihe von Be-gebenheiten zu verfolgen. Jeder Theil rnufs einzelnund allein erfcheinen, und kann der Regel nachnicht eher in die Phantafie gelangen, als bis er denTheil herausgejagt hat, welcher unmittelbar vor ihmhergegangen ift. Hierdurch verurfacht eine Entfer-nung in der Zeit eine weit gröffere Unterbrechungin dem Denken, als eine gleiche Entfernung imRaume, und fchwächt folglich den Begriff und hier-mit auch die Leidenfchaften weit mehr, weil diefenach meinem Syfteme gröfstentheils von der Einbil-dungskraft abhängen.

Noch giebt es ein anderes Phänomen, das mitdem vorigen von gleicher Natur ift, nemlich, dafsdiefelbige Entfernung, wenn fie aufdie Zukunft geht, weit ftärker wirkt,als wenn fie fich aufs Vergangene er-ftreckt. Diefer Unterfchied läfst fich in Anfehungdes Willens leicht erklären- Denn da keine unfrerHandlungen das Vex'gangene ändern kann, fo darfes uns nicht wundern, dafs es niemals den Willenbeftimmt. Aber in Rückficht auf die Leidenfchaf-ten, ift das Problem noch ganz und ift wohl einerUnterfuchung werth.

Aufser der Neigung zum allmäligen Fortgangedurch die Punkte des Raumes und der Zeit, habenwir noch eine andere Eigentümlichkeit in unfrerArt zu denken, welche zur Hervorbringung dieferErscheinung das ihrige beiträgt. Wenn wir unfre

Be-