370 Ueber die menfchliche Natur.
Wenn mein Raifonnement richtig ift, fo muffen fieeine proportionirliche Wirkung auf den Willen uncldie Leidenfchaften haben. Nahe Gegenftände müf-fen einen ftärkern Einflufs haben, als weite und ent-fernte. Diefemnach finden wir im gemeinen Leben,dafs Menfchen vorzüglich an folchen Gegenftändenein Intereffe nefimen, welche der Zeit und demRaunte nach nicht allzuweit von ihnen entfernt find,fie geniefsen gern das Gegenwärtige und überlaffendas, was zu weit von ihnen liegt, der Sorge des Zu-falls und des Glücks. Sprecht mit einem Mannevon feinem Zuftande, in welchem er nach dreyfsigIahren leyn wird, und ihr werdet feine Aufmerk-famkeit wenig dabei befchäftiget finden. Aber re-det mit ihm von dem, was morgen gefchelien wird,und euer Gefpräch wird ihm fehr intereffant feyn.Wenn in unferm Haufe ein Spiegel zerbricht, fo af-ficirt uns diefes mehr, als wenn ein Haus auswärtsund einige hundert Meilen von uns abbrennt.
Aber ferner; wenn gleich Entfernung in Raumund Zeit eine grofse Wirkung auf ,die Einbildungs-kraft und vermittelft derfelben auch auf den Willenund die Leidenfchaften hat; fo ift doch die Folge ei-ner Entfernung im Raum weit geringer als eineEntfernung in der Zeit. Zwanzig Jahre find dochgevvifs nur eine fehr geringe Zeitentfernung in Ver-gleichung deffen, wovon uns die Gefchichte und ei-nige felbft ihr Gedächtnifs unterrichtet, und den-noch zweifle ich, ob taufend Meilen, ja fogar diegröfste Entfernung, die auf unferm Planeten mög-lich