Druckschrift 
2 (1791) Ueber die Leidenschaften
Entstehung
Seite
115
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Von der Liebe und dem Haffe. nj

Da wir uns zu allen Zeiten unfrer felbft, un-frer Gefinnungen und Leidenfchaften aufs innigftebewufst find, fo muffen offenbar ihre Begriffe mitgröfserer Lebhaftigkeit auf uns wirken, als die Be-griffe der Gefinnungen und Leidenfchaften einer an-dern Perfon. Jedes Ding aber, das uns mit Leb-haftigkeit trifft, und in einem vollen und ftarkenLichte erfcheint, dringt gewiffermafsen durch fichfelbft in unfre Betrachtung ein, und ftellt fich beidem kleinften Wink und der geringfiigigften Gele-genheit der Seele dar. Aus demfelbigen Grundefeffelt es auch die Aufmerkfamkeit, wenn es ein-mal da ift, und hält fie ab zu andern Objekten über-zugehen, fo ftark auch ihr Verhältnifs zu unfertnerften Objekte feyn mag. Die Einbildungskraft gehtleicht von dunkeln zu lebhaften Begriffen, aberfchwer von lebhaften zu dunkeln. In dem einenFalle.wird das Verhältnifs durch ein anderes Prin-cipium unterftiitzt: in dem andern wirkt ihm letz-teres entgegen.

Nun habe ich bemerkt, dafs diefe zwei Ge-müthsfähigkeiten, die Einbildungskraft und die Lei-denfchaften, fich in ihren Wirkungen einander bei-ftehen, wenn ihre Neigungen einander ähnlich, undwenn fie auf ein und ebendaffelbe Objekt gerichtetfind. Die Seele hat ftets eine Neigung von einerLeidenfchaft zu einer andern, die mit ihr verknüpftift, überzugehen; und diefe Neigung wird beför-dert, wenn das Objekt der einen Leidenfchaft mitdem Objekte der andern verbunden ift. Die zwei

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