Von dem Stolze und der Demuth. 83
fie befitzt, von felbft einen Stolz hervorbringenwürde. Die Lobfpriiehe betreffen entweder feineMacht, oder feinen Reichthum, feine Familie oderfeine Tugend; welches alles Gegenftände der Eitel-keit find, die wir fchon oben ausführlich aus einan-dergefetzt und erklärt haben. Es ift alfo gewifs,dafs ein Menfch, wenn er fich felbft in demfelbenLichte betrachtet, in welchem er vor feinem Bewun-derer erfcheint, anfangs ein gewiffes befonderes Ver-gnügen, und hernach einen Stolz oder eine Selbft-zufriedenheit empfinden wird, nach der obenerklär-ten Hypothefe. Nun ift uns in dergleichen Fällennichts natürlicher, als die Meinungen anderer an-zunehmen; theils aus Sympathie, die alle ihreMeinungen uns inniglich vergegenwärtiget; theilsaus einem Vernunftfchluffe, nach dem wir dasUrtheil anderer als eine Art von Beweis von demanfehen, was Ge behaupten. Diefe zwei Principiendes Anfehens und der Sympathie flöfsen uns fchonan fich beinahe alle unfre Meinungen ein; aber ihrEinflufs mufs noch ganz befonders ftark werden,wenn wir über unfern eignen Werth und Charakterurtheilen. Dergleichen Urtheile find immer mitLeidenfchaften verflochten *), und es ift nichts kräf-tiger unfern Verftand zu verwirren und uns in dieungereimteften Meinungen zu ftürzen, als ihre Ver-knüpfung mit irgend einer Leidenfchaft; denn diefeergieft fich über die ganze Einbildungskraft, undertheilt jedem mit ihr im Verhältniffe flehenden
F 2 . Be-
*) B. I. Th. 3, Abfchn. xo.