Druckschrift 
2 (1791) Ueber die Leidenschaften
Entstehung
Seite
76
Einzelbild herunterladen
 

?6 Ueber die menfchliche Natur.

fachen des Stolzes, wie Tugend, Schönheit undReiehthümer, haben einen geringen Einflufs, wennfie nicht durch die Meinungen und Urtheile andererunterftützt werden. Um diele Erfcheinung zu er-klären, wird es nöthig feyn einen Umweg zu neh-men, und erft einen Begriff von der Natur derSympathie zu geben.

Keine Eigenfchaft der menfchlichen Natur iftfowohl an fich felbft als ihren Folgen nach merk-würdiger, als die Neigung, welche wir haben, mitandern zu fympathifiren, und durch Mittheilungihrer Neigungen und Gefinnungen, fo verfclnedenfie auch von den unfrigen, oder fo entgegengefetztdie einander fogar feyn mögen, anzunehmen. Die-fes ift nicht nur an Kindern zu fehen, welche jedeMeinung, die man ihnen vorhält, ergreifen; fon-dern auch bei Männern von der gröfsten Urteils-kraft und dem durchdringendften Verftande, diees oft fehr fchwer finden, ihrer eignen Vernunftoder Neigung zu folgen, wenn diefe ihren Freun-den und täglichen Gefellfchaftern widerfprechen.Aus diefer Quelle miiffen wir die grofse Einförmig-keit herleiten, die man in den Gemüthscharakterenund der Denkungsart derer findet, die von einerleiNation find; und es ift viel wahrfcheinlicher, dafsdiefe Aehnlichkeit von der Sympathie, als von ei-nem Einfluffe des Bodens und Klimas herrührt,denn obgleich letztere unabänderlich diefelbigenbleiben, fo find fie doch nicht im Stande den Cha-rakter einer Nation von einem Jahrhundert bis zum

andern