Druckschrift 
2 (1791) Ueber die Leidenschaften
Entstehung
Seite
59
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Von dem Stolze und der Demuth. 59

Da wir uns auf ein Land, ein Klima, oder einanderes leblofes Ding, welches auf uns eine Bezie-hung hat, etwas einbilden können, fo ift es keinWunder, dafs unfre Eitelkeit durch die Eigenfchaf-ten folcher Gegenftände erregt wird, die durch dasBlut oder die Freundfchaft mit uns verknüpft find.Demnach finden wir, dafs gerade die Eigenfchaf-ten, welche, wenn fie in uns felbft find, Stolz er-zeugen, diefelbige Leidenfchaft in einem geringemGrade hervorbringen, wenn fie in Perfonen, dieuns nahe angehen, entdeckt werden. Schönheit,Gefchicklichkeit, Verdienft, Anfehen und Eliren-ftellen feiner Verwandten, entwickelt der Stolze aufdas forgfältigfte, und fie machen die beträchtlich«ften Quellen feiner Eitelkeit aus.

So wie wir uns auf unfre eignen Reichthümeretwas einbilden, fo verlangen wir auch, zur Befrie-digung unferer Eitelkeit, dafs ein jeder, der mituns in einiger nahen Verknüpfung fteht, ebenfallsreich feyn foll, und fchämen uns dererjenigen unfe-rer Freunde und Verwandte, weiche geringen Stan-des oder arm find. Daher entfernen wir den Ar-men von uns, fo weit als nur immer möglich;- undda wir doch die Arrnuth bei einigen entfernten Sei-tenverwandten nicht verhindern können, unfreVorfahren aber für unfre nächften Verwandten ge-halten werden; fo will ein jeder gern von einer gu-ten Familie und von einer langen R.eihe reicher undangeiehener Ahnen entftanden feyn.

Ich