Gewerbeschulen.
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weil ihre Thätigkeit in alle Verhältnisse des bürgerlichen Lebens noch unmittelbarereingreift." — Unterm 22. August 1820 erstattete der Wirkliche Geheime Ober-Re-gierungsrath Knnth (der Erzieher der Brüder.Humboldt) dem Minister von Altensteinein Gutachten , in welchem die geringe allgemeine und fachliche Bildung der Gewerbe-treibenden in Preußen als die Hauptursache davon nachgewiesen wird, daß die Gewerb-thätigkeit in Preußen auf so sehr tiefer Stufe stehe; er erklärte cs demgemäß „für eineder ersten Forderungen der Zeit, denen, die einst ein gewerbliches Geschäft in engerenoder weiteren Sphären selbständig leiten sollen, Gelegenheit zu verschaffen, sich auf ihrekünftige Bestimmung zweckmäßig vorzubereiten, das heißt: Ansehen zu lernen, daß undauf welchen wissenschaftlichen Gründen ihr Geschäft oder Gewerbe beruht, und welcheVeränderungen Verarbeitung und Handel in verschiedenen Ländern von jeher erfahrenhaben, und zwar beides wenigstens so weit, daß sie, wenn sie künftig ein Buch überihr besonderes Geschäft oder Gewerbe, dessen innere und äußere Gestaltungen im Fort-schritte der Zeit zu lesen wünschen, es verstehen, auch sonstige Gelegenheiten, sich für ihrbesonderes Fach weiter auszubilden, gerne und verständig benutzen, überhaupt das Be-dürfnis eines erhöhten geistigen Lebens und Wirkens fühlen mögen."
Es hat einer langen Zeit bedurft, um diese erleuchteten Auffassungen annäherndin das allgemeine Bewußtsein übergehen und wenigstens therlwei.se in die Wirklichkeitgelangen zu lassen. Aus den Bedürfnissen, die in ihnen bezeichnet sind, ist einerseits dieEntwicklung der höheren Bürgerschulen und der Realschulen*) hervorgegangen, wie sie imdritten und vierten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts angebahnt worden ist und sich inden folgenden vollzogen hat; andererseits die der „Handwerkerschulen" in den Provinzenund der „technischen Schule" in Berlin, der Anstalten, welche sich demnächst zu den „Pro-vinzial-Gewerbeschulen" bezw. den „Königlichen Gewerbeschulen" und dem „Gewerbe-Institut" bezw. der „Gewerbe-Academie" entwickelt haben.
Die Schulen dieser zweiten Kategorie verdanken ihre Entstehung und ihre ersteorganisatorische Einrichtung, welche für lange Zeit maßgebend geworden ist, Beuth,„einem Manne von seltener Thatkraft und Umsicht, einem wahren Pfadfinder in dendamals noch spärlich cultivirten Regionen der Industrie Preußens."**) Vor 60 Jahrenwidmeten sich alle gebildeten jungen Leute dem Staats- und Kirchendienste, dem Stande,der mehr wie jeder andere, um nicht zu sagen allein, in Ehren stand und Ehre gab.Die bürgerliche Gewerbthätigkeit zu heben, die Quellen des Wohlstandes in ihr zuerschließen, die Arbeit zu des Bürgers Zierde zu machen, das war das unermüdlicheStreben Beuth's; es ist mit reichem Erfolge gekrönt worden. Eine der zahlreichenInstitutionen, die er in's Leben rief, waren die Schulen, die den Gegenstand dieserDarstellung bilden. Die Entwicklungsgeschichte der preußischen Gewerbeschulen gliedertsich in 3 Perioden, die erste bis 1850, die zweite bis 1870; in der dritten stehen wir.Während des größten Theils der ersten Periode bis 1845 stand Beuth an der Spitzedes gesammten Gewerbeschulwesens. Die älteste Gewerbeschule ist die in Aachen; sie ist1817 gegründet und hat sich lange Zeit unter den später entstandenen Anstalten durchihre Leistungen einen hervorragenden Platz bewahrt. Ihr folgte 1820 die in Frank-furt a/O., 1821 die in Königsberg i/Preußen und die „technische Schule" in Berlin;in den nächstfolgenden Jahren entstanden die Gewerbeschulen in Potsdam, Danzig, Hagen,Bielefeld, Trier; im Ganzen sind in der ersten Periode 22 Gewerbeschulen in'sLeben getreten.
Die Gewerbeschulen sollten in erster Linie der Ausbildung von Handwerkern dienen.Die Ministerin!-Verfügung vom 27. Dec. 1821 sagt: „Das Ministerium des öffent-
*) Im Anfänge und längere Zeit hindurch wurden manche Anstalten, die zu den Realschulengehörten, Gewerbeschulen genannt; gegenwärtig ist das noch der Fall bei der Friedrichs-Werder'schenund der Louisenstädtischen Gewerbeschule in Berlin und der Gewerbeschule in Mühlhausen i. E.;diese und ähnliche Anstalten finden in diesem Artikel keine Berücksichtigung, denn sie sind neun-classige lateinlose Realschulen.
**) S. Nottebohm Chronik der Königlichen Gewerbe-Akademie. Berlin 1871.