1012
Geschlechter.
weil bei dem Weibe das Geistige unmittelbarer aus dem Natürlichen sich entwickelt,soll das Weib auch in seiner gesummten Erscheinung selbst schon das Natürliche alsvon dein Geistigen durchdrungen und geadelt darstellen, während der Mann vorzugs-weise dem außer ihm liegenden Stoff das Siegel des Geistes aufdrückt. »Man liebt,sagt darum Goethe ebenso treffend als bündig, au dem Mädchen, was es ist, und andem Jüngling, was er ankündigt," und man ehrt, dürfen wir hinzusetzen, an demManne, was er leistet.
II. Wie, wenn auch mit Uebergewicht der einen oder der andern Richtung, dochin einem jeden Gliede der menschlichen Gesellschaft Selbstthätigkeit und Empfänglich-keit vorhanden sein muß, weil sie nur so im wechselseitigen Geben und Empfangenlebendige Glieder einer lebendigen Gemeinschaft werden können: so ist auch die Ver-schiedenheit des geistigen Geschlcchtscharakters, wie sie im Bisherigen dargestcllt wordenist, keine absolute, sondern sie beruht nur auf dein vorzugsweisen Hervortreten dereinen oder der andern Seite, denn auch Mann und Weib sollen, soweit esohne Beeinträchtigung des eigenen Geschlechtscharakters geschehenkann, ihre Eigenthümlichkeit wechselseitig sich mittheilen, und inihrer Verbindung erst stellt der volle Begriff des Menschlichen sichdar. In der vollkommensten Weise wird diese Verbindung in der Ehe, als der voll-kommensten Lebensgemeinschaft zweier Individuen, vermittelt: aber auch in dem wei-teren gemeinschaftlichen Leben darf sie nicht fehlen, und die Erziehung hat auf die rechtewechselseitige Ergänzung des männlichen und des weiblichen Elementes vorbereitendhinzuwirken. Zunächst wäre es nicht gut, wenn bei der erziehenden Thätigkeit über-haupt nur männlicher, oder nur weiblicher Einfluß sich geltend machte, oder wenn ins-besondere, wie es wohl vorgeschlagen worden ist, Knaben nur von Männern, Mädchennur von Frauen erzogen würden. Einen bedeutsamen Wink in dieser Beziehung bietetdie Erfahrung, daß das Herz der sanftesten Mutter gerade an den wildesten Jungenam innigsten hängt, und daß umgekehrt der kräftigste, thätigste Vater zur sanftesten,sinnigsten Tochter ganz besonders sich hingezogen fühlt; denn offenbar hat diese Tat-sache nicht, wie Kant will, darin ihren Grund, daß der eine Gatte für den Fall desTodes des andern in den Kindern vom Geschlechts des verstorbenen einen Ersatz fürdiesen voraussieht, sondern eben in dem Bewußtsein, daß das eine Geschlecht an demandern seine Ergänzug hat und wiederum berufen ist, auf dieses ergänzend einzuwirken.Wir fordern also in Bezug auf die erziehende Thätigkeit ein Zu-sammenwirken des männlichen und weiblichen Einflusses. Der Knabe,von Natur daraus angelegt, bestimmten äußeren Zielen rücksichtslos nachzustreben, solldurch die weibliche Einwirkung an Innigkeit des Gemüthes gewinnen, an ruhiger Auf-merksamkeit auch auf das Näherliegende und scheinbar Unbedeutende, er soll lernen, daßdas Zweckmäßige auch in angemessener Form geschehen, daß auch in der Art und Weisemenschlichen Thuns die Herrschaft des Geistes über den Stoff sich offenbaren muß; undandererseits soll durch den erziehenden Einfluß von Männern der weibliche Geist ausseiner größeren Gebundenheit an die Naturbcdingungen befreit werden, indem er demInteresse für die großen Ziele erschlossen wird, welche dein Individuum und der Ge-sammtheit vorgesteckt sind, und erkennen lernt, daß das Streben nach diesen Zielenauch über die herrschende Sitte hinausgehen darf, um mit Geltendmachung neuer geistigerBrächte auch den Grund für neue Formen der Sitte zu legen. Auch in dieser Be-ziehung ist die rechte Familienerziehung vorbildlich, da hier Vater und Mutter in Ver-bindung die pädagogischen Qualitäten repräsentiren, welche auch der ausgezeichnetsteeinzelne Erzieher schwerlich in sich vereinigen kann; und insbesondere kann nur inner-
ist glänzend entwickelt, wie sie auch der Stolz ihrer Pension ist, aber dem Hause und der Naturentfremdet. In rastlosem Wechsel macht sie ihre Talente geltend, doch wird sie von Ottilien über-strahlt, die ihre Stelle im Hause Charlottens eingenommen hat. Ottilie hat keine Talente, aberdaö höchste weibliche Genie, in der Schönheit und jungfräulichen Mütterlichkeit ihres Wesens."